Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Stille Nacht
24./25. Dez. 2009
Kirche Bözberg
Kirche Mönthal
Pfr. Thorsten Bunz


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Grundlage der Predigt ist das Weihnachtslied
Stille Nacht, Heilige Nacht

1.
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

2.
Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

3.
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Liebe Gemeinde,

das Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht" ist so etwas wie die Erkennungsmelodie von Weihnachten.
Es ist das bekannteste Weihnachtslied überhaupt - und zwar weltweit! In mehr als 300 Sprachen wurde es übersetzt und es gehört in allen Ländern dieser Erde zum absoluten Muss an Weihnachten.

Und das, obwohl die Melodie dieses Liedes so einfach und so wenig anspruchsvoll ist. Mit dem Weihnachtsoratorium von Bach oder dem Messias von Händel ist dieses süsslich-kitschige Lied nicht zu vergleichen. Und genau wegen dieser Charakterisierung - "süsslich-kitschig" - wird es in Gottesdiensten am Heiligen Abend auch kaum noch gesungen. Ich kenne einige Pfarrer-Kollegen, die würden dieses Lied niemals auswählen. Und ich kenne Organistinnen, die würden sich verweigern, dieses Lied zu spielen.

Ich habe es ausgewählt.
Für mich gehört dieses Lied in die Weihnachtsnacht.
Es gehört in die stille, heilige Nacht.


Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft,
einsam wacht nur das traute hochheilige Paar.


Es ist klar: Wir sind heute aufgeklärt genug, um zu wissen, dass nicht alles schläft. Nach so einer aufregenden Geburt im Stall bei Ochs und Esel kann nicht alles schlafen.
Vom Ochsen und vom Esel steht in der Bibel zwar bekanntlich nichts, aber wir können uns ja schon vorstellen, dass dieser Stall zu dieser kalten Zeit in dieser dunklen Nacht nicht ganz leer gewesen sein wird.
Wenn in so einem Stall nun ein Kind geboren wird, dann schläft da sicher niemand mehr.

Auch rundherum nicht, würde ich sagen.
Bethlehem ist übervoll.
So viele Menschen müssen zur Volkszählung in diesen kleinen Ort kommen, dass es, wie es heisst, keinen Platz mehr in der Herberge hat für eine schwangere Frau und ihren Mann.

In so einer überfüllten Stadt ist es nicht still.
Wenn so viele Menschen nun ausnahmsweise und extra wegen der Volkszählung in ihren Heimatort gereist sind, dann werden sie dort Familie und alte Freunde treffen. Da will niemand schlafen, sondern da wird gefeiert, getrunken, getanzt und gelacht. So stelle ich mir das jedenfalls vor.

Nein. Es ist eine besondere Zeit, ein besonderer Tag, eine besondere Nacht. Wie bei uns heute.
Da schlafen nicht alle - Sie schlafen ja auch nicht.
Jedenfalls noch nicht. J


Und so werden auch ausser Maria und Josef noch andere Menschen wach gewesen sein.
Wach - aber haben diese auch gewacht?

Das traute hochheilige Paar wacht.

Wieder so kitsch-verdächtige Worte: trautes hochheiliges Paar.
Na klar: So stellte man sich die beiden vor: Vertraut miteinander und selbstverständlich hochanständig - also heilig.
Viele Ausleger im Laufe der Geschichte haben sich darüber ihre Gedanken gemacht und es ist schon auch erstaunlich, wie tugendhaft die Kirchen Maria und Josef darstellen wollten.
Tatsache ist aber doch: Wir erfahren gar nicht so viel über die beiden. Und das, was wir von ihnen erfahren, dass lässt sie uns doch mehr oder weniger als ganz normale Menschen erscheinen. Ganz normale Menschen mit all ihren Macken und Kanten, mit ihre Fehlern ... und aber auch mit ihren Liebenswürdigkeiten und Tugenden.

Ich glaube nicht, dass Maria und Josef sündlose Menschen waren. Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, dass diese beiden von Gott auserwählt sind, seinem Sohn das Leben zu schenken. Sie sind die, die dazu am besten geeignet sind ... Wer auch sonst?
- die Frau des Herodes sicher nicht: sie ist doch viel zu stolz.
- im Haus des Hohepriesters kann er auch nicht geboren werden, der ist ja schon zu fromm, dem Zöllner vergeben zu können.
Nein: Gott sucht sich eine Familie aus, die unbekannt und bislang unwichtig ist. Bescheiden kommt Gott zur Welt.

Und er kommt - so heisst es in diesem Lied - als
holder Knabe im lockigen Haar.

Die erste Strophe steht für viele Menschen gerade wegen dieser Formulierung unter Kitschverdacht. Der Säugling in der Krippe im Stall in Bethlehem war bestimmt kein holder Knabe im lockigen Haar. Er war ein neugeborenes Menschenkind, das gestillt werden will, das schreit und das in die Windeln macht.
Davon erzählt die Bibel: Maria gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.
Die Menschwerdung Gottes ist menschlich: Sie ereignet sich in diesem Kind wirklich ganz menschlich.

Das Lied beschreibt das Kind, das in der Kirche St. Nikolaus in Oberndorf im Jahre 1818 in der Krippenszenerie liegt.

Denn dort ist dieses Lied entstanden. Und das ging so:


Wie im Stall von Bethlehem beherrschten Armut und Improvisationskunst die Szene in der armseligen Vorstadtgemeinde Oberndorf an der Salzach.

Die Gemeinde nutzte für ihre Gottesdienste die schon halb verfallene St. Nikolaus-Kirche. Die Orgel war schadhaft und verstimmt, für eine ansprechende Begleitung des Gemeindegesanges kaum noch zu gebrauchen.
Einen Pfarrer gab es auch nicht in Oberndorf, stattdessen amtete der Hilfspfarrer Joseph Mohr. Und wo es keine rechte Orgel hat, da braucht es auch keinen Organisten: Die Orgel spielte ein junger Lehrer namens Franz Gruber.

Vom Hilfspfarrer Mohr wird berichtet, er sei ein hervorragender Kanzelredner mit einer kräftigen Stimme gewesen. Er liebte die Musik und sang und musizierte mit Herzenslust. Und es heisst, er sei ein fröhlicher und humoriger Mensch gewesen.

Eben diese Eigenschaften zeichneten auch den 15 Jahre jüngeren Lehrer Gruber aus. Die beiden verstanden sich sehr gut.


Im Jahre 1818 nun beschliessen die beiden, zusammen etwas für den Gottesdienst am Heiligen Abend einzuüben. Der Hilfspfarrer schreibt ein Gedicht und der Musiklehrer komponiert eine Melodie dazu. Im Christnacht-Gottesdienst führen die beiden gemeinsam dieses Lied erstmals auf:
Stille Nacht von Joseph Mohr auf der Gitarre begleitet, mit Tenor und Bassstimme besetzt und vom Chorgesang unterstützt.
Das war die Uraufführung von Stille Nacht, Heilige Nacht.

In bitterer Armut entsteht dieses Lied. Zwei junge Leute, denen die Musik und das Wohl ihrer Gemeinde am Herzen liegt, schaffen in musikalisch-dichterischer Improvisation solch ein Meisterwerk. Die Erkennungsmelodie von Weihnachten.

Fast könnte man sagen: Die Entstehungsgeschichte dieses Liedes und ihr Erfolg in den vergangenen 200 Jahren haben doch einige Ähnlichkeit mit dem, was dieses Lied beschreibt:
Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.


Und dieses Lied hat viel zu sagen von diesem für uns bis heute so bedeutungsvollen Geschehen!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da.

So kitschig auch die erste Strophe klingen mag, so tiefsinnig und hoch theologisch ist doch diese zweite Strophe:
Christ, der Retter ist da!
Dieses Bekenntnis, das der Kern der Weihnachtsbotschaft ist, ist zu allererst den Hirten auf dem Feld zugesprochen.

Wieder so unscheinbare, unwichtige Menschen: Die Hirten stehen am Ende der sozialen Kette, ganz unten an der Leiter der gesellschaftlichen Hierarchie.
Aber diese sehen es als erste!
Diesen wird als erste diese Botschaft kund gemacht!


Im Originallied von Joseph Mohr stand diese für uns zweite Strophe übrigens an letzter Stelle. Und das Originallied hatte nicht nur die uns überlieferten 3, sondern insgesamt 6 Strophen.


Die letzte Strophe in unserer Überlieferung war bei Mohr die 2.:

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt.


Es schlägt uns die rettende Stund.
Mit der Geburt Jesu, der Menschwerdung Gottes, schlägt uns die rettende Stunde.

In dieser besonderen Zeit,
an diesem besonderen Tag,
in dieser besonderen Nacht.
Gerade in dieser besonderen Nacht sollte es nicht so sein, dass alles schläft.
In dieser besonderen Nacht, in der uns die rettende Stunde schlägt, da sollen wir wach sein und erkennen:
Gott rettet die Welt! Christ der Retter ist da!


Und wenn doch?
Wenn ich zwar wach bin,
aber doch das Entscheidende verschlafe ... was dann?

Ja, das gibt es!
Es gibt das, dass man zwar hoch beschäftigt und mit wachem Verstand bei der Sache ist,
aber der Glaube ist verschüttet, zugedeckt, eingeschlafen.


Falls Sie das tun, falls Sie die rettende Stunde tatsächlich verschlafen: Sie schlägt trotzdem!
Sie schlägt, weil Gott es so will, nicht weil wir so wach dafür wären. Das ist das Grosse an Weihnachten.

Viele Menschen damals haben es auch verschlafen.

Aber die Hirten haben es kundgetan, nachdem sie es mit eigenen Augen gesehen haben.


Es kann sein, dass wir den entscheidenden Moment in unserem Glauben verschlafen.
Das aber hält Gott sicher nicht davon ab, die Welt - und uns - zu retten.

Wir müssen dann aber auch auf die hören, die in der rettenden Stund eben hellwach - gewacht - haben.

So wach sollten wir dann schon sein.
So wach, die Weihnachtsbotschaft zu hören, wenn sie jedes Jahr auf's Neue hinausgetragen wird in alle Welt:

Christ, der Retter ist da.


Frohe Weihnachten! Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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