Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Philipper 4,4-9
15. April 2007
Kirche Mönthal
cand.theol. Delia Klingler


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Philipper 4,4-9

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
5 Eure Güte lasst kundsein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob - darauf seid bedacht!
9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!"
Liebe Gemeinde,
können Sie sich diesen Vers auf einer Todesanzeige vorstellen?
Nun, genau da stand dieser Vers jedoch. Das macht einen im ersten Augenblick stutzig: Ja, könnte man meinen, freuen sich die Angehörigen etwa, dass dieser Mensch gestorben ist??? Nein, natürlich nicht! Unter dem Spruch steht ja auch: Konfirmationsspruch. Ah, das macht das ganze natürlich klarer!
Dies ist nicht ein erfundenes Beispiel, dieser Vers von Philipper 4,4 war der Konfirmationsspruch meines Grossvaters, und es ist weder zufällig, noch eine Verlegenheitslösung, dass dieser Vers schliesslich auch auf seiner Todesanzeige stand, denn er hat diesen Vers immer wieder seinen Kindern und Enkelkindern zitiert: "Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" Ich kann jetzt noch seine Stimme hören und seine verschmitzten Äuglein dazu sehen. Er hat immer wieder betont, wie ihn dieser Spruch durch sein langes Leben begleitet habe, und ihn gerade auch in schweren Zeiten getragen habe - immerhin wurde er über 99 Jahre alt!. Nun, ich habe meinen Grossvater ja nur das letzte Jahrzehnt seines Lebens bewusst erlebt, doch hatte ich den Eindruck, dass das nicht nur leere Floskeln sind. Im Gegenteil, ich war beeindruckt, wie er versucht hat, diese Grundgefühle von Freude und Zufriedenheit zu leben. Natürlich, wie jeder andere Mensch auch, konnte er manchmal auch schlecht gelaunt und "brummlig" sein, doch war, zumindest in der Zeit, da ich ihn erlebt habe, in der Tiefe immer diese Zufriedenheit und Freude zu spüren.

Freuet euch: so schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi. Ja, wenn man an einem schönen Frühlingsmorgen spazieren geht, und die Natur um einen herum zu neuem Leben erwacht, Vögel zwitschern und auf den Wiesen die Lämmer herumspringen, oder wenn es einem gut geht, man gesund ist und von lieben Menschen umgeben ist, ja, dann fällt es uns nicht schwer, uns zu freuen.
Wir leben nun aber in einer Welt, in der auch Leiden und Missgunst zum Alltag gehören können. Was meint Paulus denn mit dieser Freude? Er schreibt diesen Brief aus der Gefangenschaft in Rom, nachdem er auf seinen bisherigen Reisen auch mancherlei Gefahren und Leiden erlebt hat. Er schreibt diesen Vers wenige Zeilen nachdem er Schwierigkeiten und Uneinigkeit in der Gemeinde von Philippi angesprochen hat. Paulus weiss, dass es überall Schwierigkeiten und Leiden geben kann, und dass das Leben nicht immer ein Honigschlecken ist.
Die Freude, die Paulus hier anspricht, meint also kein oberflächliches Gefühl von Spass oder Vergnügen, sondern ein tiefes Grundgefühl, eine Art Zufriedenheit, das - gerade in schwierigen Zeiten - vielleicht nicht an der Oberfläche ist, aber doch durch seine Tiefe Halt geben kann. Das heisst also eben nicht, dass ein Mensch, der aus dieser tiefen Freude lebt, immer nur aufgestellt und fröhlich ist und mit einem riesigen Zahnpastalächeln durch die Gegend geht. Nein, auch solchen Menschen kann es schlecht gehen, doch kann ihnen diese Freude als Grundgefühl Halt geben und helfen, einen Lichtstreifen am Horizont zu sehen.
Gefühle von Vergnügen und Spass können diesen Halt nicht geben, da in ihnen kein Platz für gegenteilige Emotionen ist. Stellen wir uns vor, wir sind auf einem Fest. Die Musik gefällt uns, es herrscht eine super Stimmung; die Leute sind gut gelaunt, jeder redet mit jedem. Man lacht und macht Witze, und man möchte am liebsten alle umarmen. In bester Stimmung kommt man nach Hause. Am nächsten morgen klingelt der Wecker gnadenlos und viel zu früh und der Alltag hat einem wieder im Griff. Man kommt an den Arbeitsplatz, wo der Chef, ebenso schlecht gelaunt wie man selbst, einen anmotzt, und die lieben Arbeitskollegen über einen tratschen - oder schon gegen einen mobben. Wo ist nun die Stimmung, das gute Gefühl, das man noch wenige Stunden vorher empfand? Bei einer so miesen Stimmung freut man sich auf das nächste Fest, die nächste Party, wo man sich wieder gut fühlt und jeder jedermans Freund ist. Man lebt nur noch von Fete zu Fete.
Vergnügen und Spass wie an einem Fest fühlen sich zwar gut an, tragen aber nicht weiter. Spass und Vergnügen können aber Abwechslung und Ablenkung verschaffen. Am Fest ist alles Vergnügen und Spass, den Alltag hingegen kann man hingegen als langweilig und gewöhnlich empfinden. Darin liegt eine Gefahr. Man versucht diesem grauen Alltag zu entkommen und diesen angenehmen Empfindungen wie Vergnügen und Spass nachzujagen. Es kann in Extremfällen sogar zu einer Sucht werden. Aber Spass und Vergnügen können sehr egoistische Gefühle sein. Wenn man sich vergnügt, will man nicht jemanden um sich haben, dem es schlecht geht, der einem daran erinnert, das nicht alles im Leben nur vergnüglich ist. So haben sich beispielsweise einmal einige Leute bei ihrem Reiseveranstalter beschwert, weil sie in einem Hotel untergebracht worden waren, wo auch eine Gruppe behinderter Menschen mit ihren Betreuern Ferien machte. Menschen, die nur dem Vergnügen nachjagen, möchten nicht gerne an das Unangenehme erinnert werden. Entweder vergnügt man sich oder man fühlt sich elend. Beides zusammen geht nicht.
So legt es uns die Fernsehwerbung nahe, dass nur Spass, Freizeit und Vergnügen zählen, und die Welt ein Tummelplatz junge, aufgestellter, sportlicher, schlanker und vor Gesundheit und Vitalität strotzender Leute sein sollte. Kranke, Behinderte, vom Schicksal geschlagene, arme, dem gängigen Schönheitsideal nicht entsprechende Menschen werden ausgegrenzt. Dass eine solche Spassgesellschaft am wirklichen Leben vorbeigeht, kann man nur schon an den vielen Gestellen in den Buchläden sehen, die voller Ratgeber für sämtliche Probleme und Lebensfragen sind, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Gefühle wie Vergnügen und Spass sind also nicht dasselbe wie die Freude, doch das heisst jetzt nicht, dass man sich nicht am Schönen erfreuen und vergnügen darf und ein griesgrämiger Moralapostel sein muss. Es macht doch Freude, sich am Schönen in der Welt zu erfreuen. Geht spazieren, freut euch an den Blumen, den Vögeln und den Lämmern! Freut euch über alles Liebe, das ihr mit anderen Menschen erlebt! Auch das Vergnügen hat seinen Platz. Doch ist es wichtig, Vergnügen und Freude nicht zu verwechseln. Denn Vergnügen ist zwar ein Gefühl, dass einem aufstellen kann, doch ist in ihm kein Platz für gegensätzliche Empfindungen wie z. B. Trauer und Klage. Die Freude hingegen ist ein Grundgefühl, das viel tiefer geht als Gefühle wie Vergnügen und Spass, das um das Leiden weiss und ihm den nötigen Raum und die nötige Zeit gibt. Doch vertraut diese Freude darauf, dass das Leid nicht das letzte Wort haben wird.
Freuet euch in dem Herrn:
Diese Freude ist nicht einfach so da als eine Laune der Natur. Wir haben erst vor wenigen Minuten gesungen: "Freut euch! Doch die Freude der Frommen kenne auch der Freude tiefsten Grund". Was dieser Grund meint, sehen wir am besten am Bild eines Baumes.
Stellen Sie sich einen Baum vor, einen Baum, der Ihnen gefällt. Ist es eine mächtige Eiche oder eine schlanke Pappel oder eine melancholische Trauerweide? Wie er auch immer aussehen mag, jeder Baum braucht Wurzeln, die ihm Halt und Nahrung geben. Die Freude ist wie ein Baum; sie braucht Wurzeln, die ihr Halt und Nahrung geben, um uns auch in manchmal schwierigen Alltag tragen zu können. Die Wurzeln der Freude liegen in Gott und im Glauben und Vertrauen auf ihn. Diese Verwurzelung in Gott gibt der Freude ihren Halt. Ihre Nahrung kommt aus der Liebe Gottes zu den Menschen. In den Worten des englischen Dichters William Shakespeare ausgedrückt: "Wo man Liebe aussät, wächst Freude empor"
Die Liebe, die Gott uns schenkt, findet ihre Antwort in der Liebe zu Gott und den Mitmenschen und in der Freude, dass man auf Gott hoffen und vertrauen kann. Dies ist doch ein Grund zur Freude! Glaube ist etwas, das Freude bringt und kein gesetzliches, moralinsaures: du sollst, du darfst nicht und so weiter. So sagte auch der Komponist Joseph Haydn einmal: "Wenn ich an Gott denke, ist mein Herz so voll Freude, dass mir die Noten wie von der Spule laufen."
Gerade erst letzten Sonntag haben wir Ostern gefeiert und uns gefreut, dass Gott den Tod überwunden hat, und dass all das Leiden und der Tod zwar ernstzunehmende Realitäten sind, aber nicht das letzte Wort haben werden. Dieses Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus den Tod überwunden hat, ist die Wurzel der Freude, die gerade dadurch einem Menschen in Krisenzeiten Halt geben kann. Nun, was heisst das denn konkret?
Als ich noch in der Kantonsschule war, führte ich einmal ein Gespräch mit einem Mitschüler, der ganz Feuer und Flamme für Gott war. Er behauptete etwas überspitzt gesagt, dass Gott ja die Menschen liebt und ihnen nichts Übles will. Von daher solle man, wenn man krank ist, nur beten und Gott werde einen dann heilen.
Ja, und was ist mit Leuten, die glauben und beten und doch nicht geheilt werden?, wolle ich wissen.
Da wusste er keine wirkliche Antwort, doch er sagte so etwas in die Richtung davon, dass dann diese Leute eben zuwenig gebetet hätten.
Nun, dieses Gespräch hat mich sehr lange beschäftigt. Es kann doch nicht sein, dass Glaube nur eitel Sonnenschein ist, dazu ist das Leben einfach zu komplex. Natürlich finde ich, dass der Glaube Freude macht, doch ist es ein gefährliches Missverständnis, zu meinen, dass wenn man an Gott glaubt und weiss, dass er den Tod überwunden hat, das ganze Leben und Glauben eines Menschen nur noch ein "Juhui, Jesus liebt mich und alles ist rosa" ist.
Nein, wenn diese Freude einen Halt geben will, der wirklich standhält, dann darf die Freude das Leiden, Trauern und Klagen nicht verdrängen, sondern im Gegenteil: In der Glaubensbeziehung zwischen Gott und den Menschen ist auch Platz, das Schwierige vor Gott zu bringen. So ist zum Beispiel das Buch der Psalmen voller Texte, die der Freude Ausdruck verleihen, doch wird der Psalter erst dadurch zu einem Buch, das in jeder Lebenslage trägt, dass es auch Raum hat für Sorgen, Leiden, Zweifel, ja Verzweiflung, wie der verzweifelte Ruf in Psalm 22, den Jesus am Kreuz zu seinem eigenen Schrei macht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Nein, diese Freude wurzelt in einem tiefen Grund, der nicht von einer schwarz-weissen Welt ausgeht, sondern in den verschiedensten Situationen Halt und Nahrung geben kann. In diesem Sinne schreibt Paulus auch: Freuet euch in dem Herrn.

Freuet euch in dem Herrn allewege:
Denken wir zurück an das Fest, das ich vorher beschrieben habe. Am Fest herrscht gute Stimmung, man freut sich und es geht einem gut. Was aber, wenn das Fest vorbei ist? Wäre es nicht schön, eine Freude zu haben, die auch im Alltag trägt? So heisst es auch: "Freuet euch in dem Herrn allewege." "Allewege" ist ein etwas altmodisches Wort, das wir heute nicht mehr so gut verstehen. Doch ist es insofern besser als neuere Übersetzungen wie "immer". Im griechischen Text wird nämlich ein Wort verwendet, das sowohl räumliche wie auch zeitliche Bedeutung haben kann. Es meint also zugleich "immer" und "überall".
Doch wie wir gerade eben gehört haben, meint das eben nicht eine Freude im Sinne davon, dass man sich jetzt immer nur toll und glücklich fühlen kann. Ich glaube nicht, das Paulus so etwas meint, wenn er "allewege" sagt. Nein, es geht darum, dass diese Freude uns zu jeder Zeit und auf jedem unserer Lebenswege begleitet und uns Halt und Nahrung geben kann.

Und abermals sage ich: Freuet euch:
"Das hast du schon mindestens zweimal gesagt!!!" Ich kenne Leute (und damit meine ich nicht zuletzt mich selber), die die Macke haben, etwas, das ihnen wichtig ist, mehrmals zu wiederholen, um auch ja sicher zu sein, dass der andere es verstanden hat.
So will auch Paulus mit dieser Wiederholung deutlich machen, dass er "Freuet euch in dem Herrn allewege" nicht nur als schöne und wohlklingende Floskel in den Brief schreibt, sondern dass es ihm um etwas geht, das er sehr wichtig findet. Und wahrscheinlich ist es gar nicht schlecht, dass er es wiederholt, denn es scheint mir, dass es sich um etwas handelt, das schnell unter die Räder kommen kann. Gerade weil diese Freude ein tiefes Grundgefühl ist, das sich nicht immer laut und farbenfroh äussert, sondern auch mal still sein kann, kann sie im Alltagstrubel unter all den Eindrücken schnell vergessen werden. Es ist ja schliesslich auch schwieriger, die Vögel singen zu hören, wenn wie gestern in jedem Garten ein Rasenmäher knattert.
Darum schadet es auch nicht, es nochmals zu wiederholen: Die Freude ist ein Geschenk Gottes, die im Vertrauen auf ihn und in der Liebe wurzelt. Sie gibt und Halt und Nahrung. Der Glaube ist etwas Freudiges, Befreiendes, kein: du sollst, du sollst nicht, Gott sieht alles und bestraft dich.
Glaube wurzelt in der Liebe Gottes, der Liebe von Gott und der Liebe zu Gott. Das ist doch ein Grund zur Freude. Auch wenn unsere Welt nicht vollkommen ist und es manchmal steile und steinige Abschnitte auf unseren Lebenswegen gab, gibt und geben wird, so ist es wichtig, dass dies nicht das letzte Wort haben wird. Doch genug der Worte jetzt, denn Freude ist schliesslich etwas, das gelebt und nicht beredet werden will. Was könnte Ihnen heute, morgen, nächste Woche Freude machen? Halten sie die Augen offen, erkunden Sie die Möglichkeiten zur Freude - und packen Sie sie! Es gibt mehr Möglichkeiten als Sie denken; wie schon Goethes Mutter wusste: Es gibt doch viele Freuden in unseres lieben Herrgotts seiner Welt."
Man kann es kaum treffender und prägnanter ausdrücken, als Paulus es bereits vor bald zweitausend Jahren getan hat: "Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!"
Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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