Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Matthäus 18, 1-5.10
23.09.2007
Kirche Mönthal
Pfr Thorsten Bunz


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Matthäus 18, 1-5.10

In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sagten:
"Wer ist nun der Grösste im Himmelreich?"
Und Jesus rief ein Kind zu sich, stellte es mitten unter sie und sagte:
"Amen, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!
Denn wer sich erniedrigen wird, wie dieses Kind, der ist der Grösste im Himmelreich.
Und wer ein einziges solches Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf.

Seht zu: Verachtet keinen einzigen dieser Kleinen! Ich sage euch nämlich: Ihre Engel sehen in den Himmeln jederzeit das Antlitz meines Vaters in den Himmeln.

Liebe Gemeinde,

können Sie sich vorstellen, wie ich mich fühle, wenn ich die Konfirmandinnen und Konfirmanden kurz vor deren Konfirmation frage, ob die Weihnachtsgeschichte - also Jesu Geburt - im Alten oder im Neuen Testament zu finden ist, und dann die Antwort kriege "Altes Testament"?
Ich verzweifle immer fast über deren Nicht-Wissen - noch immer nicht wissen - ... und auch an meinem offenbar doch schlechten Konfunterricht. Nichts gelernt.

So ungefähr wird sich wohl auch Jesus gefühlt haben, als ihn die Jünger danach fragen, wer der Grösste im Himmel ist. Da ziehen sie so lange mit ihm umher und sind immer dabei, wenn er predigt und den Menschen vom Reich Gottes erzählt - und sie haben es immer noch nicht begriffen, fragen auch noch so treuherzig "Wer ist der Grösste im Himmelreich?"
Jesus wird wohl erst mal trocken geschluckt haben über diese Frage, könnte ich mir vorstellen. Andererseits: Jesus ist sich ja menschliche Schwächen gewöhnt und es ist sicher auch eine menschliche Schwäche, dass wir immer nach Rang und Ansehen schauen - "der Grösste sein", das ist wichtig für uns! Der Schnellste auf der Autobahn, der erste im Ziel, der Beste in der Schule, der stärkste Traktor ... und was auch immer. Oder so: "Mein Kind krabbelt schon!" "Mein Kind kann schon ohne Windeln sein!" Davon ist unser Taufkind heute natürlich noch weit entfernt.
Aber solche Konkurrenzen gibt es unter Eltern! Und unter Grosseltern. Konkurrenz ist wichtig für uns, warum auch immer.

Und jetzt gebraucht Jesus, der sich ja mit solchen menschlichen Schwächen auskennt, ein ganz einfaches Bild - er holt ein Kind in die Runde. Im Predigtvorgespräch haben wir uns an dieser Stelle gefragt, wie sich das Kind in diesem Moment wohl gefühlt haben wird - einfach so in die Mitte der Erwachsenen gestellt! Ziemlich übergriffig eigentlich. Bestimmt war das Kind ganz verschüchtert und ängstlich. Ob Jesus sich darüber auch Gedanken gemacht hat? - Lassen wir das.
Jesus sagt nun seinen Jüngern, dass sie so werden sollen, wie dieses Kind. Und dieser Satz hat die Phantasie der Ausleger im Laufe der Geschichte sehr angeregt. Zu allen Zeiten haben die Ausleger nämlich dann ein Verhalten gefordert, dass eben so sein sollte, wie man sich Kinder zu diesen Zeiten wünschte: Gehorsam und folgsam, naiv und unschuldig, brav und artig oder neugierig fragend. Heute würden wir wohl sagen: wenn wir werden wie die Kinder, dann sind wir kleine Persönlichkeiten, die spielerisch ihr Leben erschliessen sollen, mit allerlei Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten.
Was das dann damit zu tun hat, ins Himmelreich zu kommen, weiss ich allerdings nicht.

Auch wenn die Begebenheit, die das Matthäus-Evangelium hier berichtet, schon 2000 Jahre zurück liegt, lohnt es sich, speziell an dieser Stelle danach zu sehen, wie das denn für Kinder zur Zeit Jesus ausgesehen hat. Vor 2000 Jahren hatten Kinder nämlich längst nicht so viele Freiheiten und Möglichkeiten wie heute. Damals gehörten Kinder zu den niedrigsten Geschöpfen überhaupt. Klar waren sie wichtig als Alterssicherung - aber solange sie noch nichts zum Lebensunterhalt beitragen konnten, waren sie eher lästig. Kinder hatten keinerlei Rechte - Kinderschutzbund und dergleichen gab es noch nicht.
Wenn nun Jesus also sagt, wir sollten so werden, wie die Kinder, dann meint er damit nichts anderes, als dass wir komplett jegliches Ansehen, jeglichen Rang, jegliche Rechte verlieren müssten.
Wer will das aber schon? Wer will schon aufgeben, was er erreicht hat im Leben?
Ausserdem hinkt der Vergleich an dieser Stelle auch ein wenig: Jesus fordert hier etwas, das nicht geht: Niemand, der erwachsen geworden ist, kann wieder Kind werden. Ich kann mich zwar kindisch benehmen, kann gerne spielen zum Beispiel oder ich kann mich kindisch dumm anstellen, wenn es darum geht, irgendetwas zu tun - oder etwas nicht tun zu wollen. Aber ich kann unmöglich noch einmal Kind werden. Das geht nicht.
Beim Bibel-Abend haben wir uns ein Beispiel gesucht, das wir verstehen würden: Wenn zum Beispiel ein Arzt, der ja gut und recht seine Ausbildung gewissenhaft gemacht hat und der sich auf das, was er gelernt hat, natürlich stützt und danach handelt, wenn dieser Arzt nun in seiner Tätigkeit aber doch sich darüber im klaren ist, dass alles, was er für Menschen tun kann, doch nur sehr wenig ist, im Vergleich zu dem, was Gott für den Menschen tut. Der Arzt kann helfen. Nach bestem Wissen. Aber ob eine Heilung möglich ist oder nicht, darüber entscheidet Gott.
Und das, so haben wir uns überlegt, das könnte doch auch hier gemeint sein: Natürlich habe ich selbst Fähigkeiten - aber ich stelle sie doch in den Dienst Gottes und weiss um meine eigenen Schwächen und um mein eigenes Unvermögen.
Oder anders: Wieder Kind werden - das bedeutet dann: so leben und handeln, als hätte ich deren Ansehen und Rang: Als wäre ich eben so klein und unwissend - demütig sein.
Demut - das ist so ein schöner Begriff, den man natürlich erwartet, wenn es um Glaube und um Gott geht. Demütig sein - sich gebeugt unter die Macht Gottes stellen. Aber das allein ist hier nicht gemeint.
Sondern: Stellen wir uns doch mal zumindest in Gedanken auf die Stufe derer, die so wenig Ansehen haben, wie die Kinder. In unserer Zeit heute haben Kinder einige Rechte. In unserer Zeit heute müsste ich andere Beispiele hinzuziehen, um aufzuzeigen, dass es Menschen gibt, die wenig Rechte und nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten haben: Ausländer - egal, in welchem Land. Asylanten - die suchen sich ihr Schicksal auch nicht aus. Bettler und Obdachlose, Arbeitslose ... man könnte die Liste leicht noch weiter führen.
Ich soll sicher nicht so werden, wie sie. Ich soll sicher nicht Hab und Gut aufgeben, das ich bereits habe, um ebenfalls auf der Strasse zu leben. Damit wäre niemandem gedient. Es nützte unserem Taufkind auch nichts, wenn sich jetzt seine Eltern so verhielten wie er selbst: dann könnte ihn ja niemand füttern, wenn der Hunger da ist, niemand könnte ihm einen neue Windel anlegen, wenn die Verdauung geklappt hat. Damit wäre nicht gedient.
Ebenso wenig wäre dem Bettler gedient, wenn wir jetzt auch mit ihm betteln gingen.
Nein anders: Wenn ich immer nur aus meiner persönlichen Perspektive die Schicksale der Menschen ansehe, dann gerate ich in die Gefahr, die Schicksale der Menschen überhaupt nicht anzusehen! Stattdessen: Wenn ich mich einmal in ihre Lage versetze, einmal versuche, mitzufühlen, wie es dem Asylanten geht, der seine Heimat verlassen musste und nun hier gestrandet ist - ich gehe davon aus, dass der das nicht freiwillig getan hat, sondern gern auch friedlich in seiner gewohnten Umgebung geblieben wäre.
Ich glaube, dass kann uns diese Erzählung heute sagen: Wenn ich selbst einmal bewusster wahrnehme, was für mich in unserer Gesellschaft so selbstverständlich ist und für andere eben nicht, wenn mir das einmal bewusst wird, dann kann ich mich doch ganz anders einsetzen für diese Geringsten - für die "Kleinen", wie Jesus sie in diesem Text nennt. Das ist dann der Weg, der nach Jesu Aussage ins Himmelreich führt. Die Rangordnung und wer der Grösste ist, das ist dann gar nicht mehr so wichtig.

Das ist ein Gedanke, den mir dieser Predigttext heute eingibt: Versetz dich mal in die Lage derer, die überhaupt keine Rechte haben - und dann fühl mal in diese Geringsten hinein und versuch mal, mitzufühlen, wie es denen in unserer Gesellschaft ergeht ... Und dann handle...


Im letzten Vers dieses Abschnittes ruft Jesus noch dazu auf, keinen dieser Kleinsten je zu verachten. Begründet wird das damit, dass jeder dieser Kleinsten einen Engel habe, der bei Gott im Himmel jederzeit das Gesicht Gottes sehen kann - der also Gott in besonderer Weise ganz nahe ist. Dieser Vers ist ganz eng verknüpft mit dem Taufspruch, den die Eltern unseres Taufkindes ausgesucht haben:
Aus Psalm 91: Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Als Reformierte halten wir uns ja häufig ganz vorsichtig zurück, wenn es darum geht, Heilige - oder Engel - zu verehren, die in besonderer Weise bei Gott für uns ein Wort einlegen. Als Reformierte haben wir gelernt, dass wir keine solchen Vermittler brauchen: Ich darf selbst direkt zu Gott sprechen.
Und dennoch: Ist es nicht ein beruhigender Gedanke, dass da Engel sind, göttliche Wesen, die auf mich Acht geben? Und ist es nicht ein beruhigender Gedanke, dass Gott selbst diesen Engeln den Auftrag gibt, mich zu behüten?
Amen!

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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