Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Markus 8, 22-26
26. August 2007
Kirche Mönthal
Kirche Bözberg
Pfrn Christine Straberg


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Markus 8, 22-26

Als sie nach Betsaida kamen, brachten die Leute einen Blinden und baten Jesus, den Mann zu berühren. Jesus nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Ort hinaus. Er spuckte ihm in die Augen, legte ihm die Hände auf und fragte: »Kannst du etwas erkennen?« Der Blinde blickte auf und sagte: »Ja, ich sehe die Menschen; sie sehen aus wie wandelnde Bäume.« Noch einmal legte ihm Jesus die Hände auf die Augen. Danach blickte der Mann wieder auf und war geheilt. Er konnte jetzt alles ganz deutlich erkennen. Jesus befahl ihm: »Geh nicht erst nach Betsaida hinein, sondern geh gleich nach Hause!«

Liebe Gemeinde!

In der Bibel gibt es viele interessante und lehrreiche Geschichten, kluge Worte und hilfreiche Beispiele.

Heute nun steht eine Erzählung im Mittelpunkt, die vielleicht mancher nicht sehr lehrreich und hilfreich findet.
Es ist eine der vielen Heilungen, die uns von Jesus erzählt werden. Und diese ist auch noch eine, wo es ausschliesslich um die Heilung geht - ein Blinder bekommt sein Augenlicht zurück. Das war's. Kein weiteres Wort oder Gleichnis von Jesus, einfach nur die Heilung.

Ich hatte beim ersten Lesen jedenfalls den Impuls: Ach nein, die nehme ich doch nicht als Predigttext.
Solche Wunderheilungen sind für uns heute doch eher schwierig und so richtig was draus nehmen kann man auch nicht. Jesus sagt ja noch nicht mal was Grosses.

Aber wie das so ist, gerade so ein erster Eindruck kann täuschen. Und ich finde diese Erzählung mittlerweile sehr anregend und aufschlussreich. Sie bringt mir einen Jesus nahe, der wieder mal anders ist, als ich mir das so vorstelle.

Ich lese ihnen den kurzen Text noch einmal vor:
Und Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger kommen nach Betsaida.
Da bringen sie einen Blinden zu ihm und bitten ihn, er möge ihn berühren.

Und er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, spuckte in seine Augen und legte ihm die Hände auf und fraget ihn: Siehst du etwas?
Der blickte auf und sprach: Ich sehe Menschen - wie Bäume sehe ich sie umhergehen.
Da lege er ihm noch einmal die Hände auf die Augen und er sah klar und war wiederhergestellt und sah alles deutlich.
Und er schickte ihn nach Hause und sprach:
Geh aber nicht ins Dorf hinein!

Fangen wir doch einfach vorne an:

Unbekannte Menschen bringen einen Blinden zu Jesus, damit
er ihn berührt - weil sie hoffen, dass Jesus ihm helfen kann.

Diese Menschen werden einfach nur "sie" genannt. Sie haben keinen Namen, wir erfahren nichts von ihnen.
Und doch sind sie unendlich wichtig.
Ohne sie wäre der Blinde nie zu Jesus gekommen.

Es sind diese ungenannten Helfer und Helferinnen, die ein Leben, die auch unser Leben zum Leuchten bringen.
Weil sie einfach da sind, weil sie anpacken, ohne etwas zu erwarten.

Was wäre eine Gemeinde ohne solche helfenden Hände?
Nur mit Worten, nur mit schönen Reden können Menschen nicht leben.
Es braucht das andere - und das könnte doch mal ein Grund sein, in sich zu gehen und zu überlegen:
Wem sollte ich mal wieder "danke" sagen?
Danke, dass es dich gibt!
Danke, dass du einfach da bist, wenn ich dich brauche!
Das ist auch der Grund, warum wir einmal im Jahr als Kirchgemeinde allen Menschen danken, die an bestimmten Punkten oft so unbekannt und doch so hilfreich da sind.
Wen bringen diese Menschen nun zu Jesus?
Ebenfalls ein Namenloser - aber sein Gebrechen wird benannt:
Ein Blinder.
Blind sein.
Ich weiss nicht, wie es ihnen mit dieser Vorstellung geht.
Was wäre, wenn ich nicht sehen könnte oder nicht mehr sehen könnte?
Für viele Menschen ist das, glaube ich, eine der schlimmsten Vorstellungen.
Unser Leben hat so viel mit Sehen zu tun - die Augen sind so wichtig!
Was ist, wenn ich mein Gegenüber nicht mehr beim Erzählen sehen kann?
Wenn ich nur noch höre? (Wie gut, wenn ich es noch kann!)
Wenn ich nie mehr die Farben, die Sonne, die Bäume, die Blumen sehen darf?
Nicht umsonst umschreibt man geboren werden auch mit dem Satz: Das Licht der Welt erblicken.
Was, wenn ich das Licht der Welt nicht sehen kann, weil ich blind bin?

All das mag uns erahnen lassen, wie dieser namenlose Blinde sich gefühlt haben mag, wie er leidet.
Und das zu Zeiten, als es all die Förderung, die wir heute für blinde Menschen haben, nicht gab.
Blind sein ist ausgestossen sein, ist abseits stehen.

Aber er wurde nicht dort stehen gelassen. Ihn brachten unbenannte, liebevolle Menschen zu Jesus. In der Hoffnung, dass er etwas für ihn tun kann.

Und Jesus tut etwas für ihn.
Er geht mit ihm weg - aus dem Dorf heraus.
Er will keine Neugierigen, er will keine Leute, die nur auf Wunder aus sind.
Es geht um eine Begegnung nur zwischen ihm und dem Blinden.
Eine Begegnung, die ohne grosse Worte auskommt, aber mit viel Nähe verbunden ist.
Heilung, heil werden ist etwas Privates, etwas, das keine Zuschauer braucht, das keine grossartigen Reden braucht, sondern einfach Zuwendung und Anpacken.

Vielleicht erregt die Form, wie das Markusevangelium die Heilung des Blinden beschreibt, bei manchem Irritation, ja Ekel.
Jesus spuckt dem Blinden in die Augen und legt ihm die Hände auf.

Da ist es hilfreich, um die Vorstellungen und medizinischen Ansichten der damaligen Zeit zu wissen.
Spucke galt damals als ein wunderbares Heilmittel speziell gegen Augenkrankheiten.
Krankheiten waren noch nicht weiter erforscht und für die Menschen zu Jesu Zeiten bedeutete eine Krankheit auch, dass Menschen von einem bösen Geist besessen waren, dass sie für eine Schuld büssen mussten.

Jesus nun lebt in dieser Zeit, er teilt ihr Weltbild und ihr Wissen.
Und so nimmt er Spucke - aber er murmelt nicht noch einige Zaubersprüche, wie es wohl sonst üblich war, sondern legt einfach seine Hände auf.
Und genau das zeigt, dass er eine Kraft hinter sich hat, die grösser ist als alle Zaubersprüche. Gott heilt durch ihn diesen armen Blinden und schenkt ihm sein Augenlicht.

Die schrittweise Heilung mag andeuten, dass dieser Mensch nicht von Geburt an blind war, da er weiss, wie Bäume aussehen.
Im Griechischen ist dieser erste Satz der Blinden auch eher ein wirres Gestammel - das die grosse Freude und das Erstaunen über die Heilung ausdrückt.

Aber wie geht es uns denn nun mit diesem Wunder, mit dieser Heilung?
Uns heute, aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts?
Können wir solche Wundergeschichten noch ernst nehmen?

Zuerst möchte ich noch mal betonen: Jesus lebt in seiner Zeit - und er handelt für Menschen, die noch keine Naturgesetze kennen, die an Wunder glauben.
Und da die Menschen damals so offen für Wunder waren,
wer weiss, was da alles wirklich möglich war!
Und ausserdem sind Wunder sind erst mal wirklich zum Wundern da. Denn Gott ist immer wieder für Überraschungen gut.
Wunder, das war alles, wo man das Wirken aussergewöhnlicher Kräfte zu spüren meinte.
Und das Entscheidende war nicht das Wunder, sondern die Frage nach dem Wesen dieser Kräfte!
Woher kommen die Kräfte, die das Wunder bewirken?
Wer oder was steckt dahinter?

Und so wie damals können wir uns daher auch heute immer noch sagen und fragen:
Wunder, die gibt es immer wieder, aber worauf will uns das Wunder hinweisen?

Das ist das Entscheidende am Wunder, an den Heilungen in der Bibel.
Es geht nicht um historisch oder nicht. Es geht nicht darum, dass ich an Wunder glauben muss, damit ich wirklich an Gott und Jesus glaube.
Im Gegenteil.
Schon damals hat uns vor allem das Markusevangelium eines mit auf den Weg geben wollen:

Dass Jesus diesen Menschen heilen kann, das ist ein Zeichen dafür, dass Gott durch ihn wirkt.
Die Wunder sind Erweise der göttlichen Macht von Jesus, aber und dass finde ich ganz entscheidend: Sie sind keine Beweise!
Und vor allem waren nicht sie es, die bei den Menschen Glauben bewirkt haben.
Daher - und das ist bei dieser Heilung anders als bei den meisten anderen - geht es vor allem um das Wort. Es geht darum, was Jesus erzählt, wie er seinen Weg geht.
Das öffnet den Menschen letztlich die Augen.

Und so sind alle Heilungen und alle Wunder letztlich nur Wegweiser auf dem Weg, den Jesus geht.
Und dieser Weg ist der Weg ins Leiden, ans Kreuz und schliesslich zur Auferstehung.

Im Markusevangelium wird das dadurch betont, dass Jesus zum Schluss immer wieder verbietet, dass die Menschen von der Heilung, aber auch von ihrem Glauben erzählen.

Daher auch der Schluss, dass der sehende Blinde zwar in sein Haus gehen soll, aber nicht ins Dorf.

Denn was diese Heilung wirklich bedeutet, kann man erst verstehen, wenn man das ganze Leben Jesu kennt, wenn man das Ziel kennt.
Ein Wunder ist ein Hinweis, aber ohne das Ende bleibt es immer zweideutig.

Aber mit dem Ende - dem Kreuz und Ostern, der Auferstehung - wird es zu einem grossartigen Zeichen, das auch uns die Augen öffnen will.
Die Augen öffnen dafür, dass Gottes Reich mit dem Wirken Jesu begonnen hat.
Die Augen öffnen dafür, wie dieses Reich Gottes für uns Menschen sein will:
dass Gott Erneuerung und Heilwerden der ganzen Schöpfung will;
dass Gottes Reich den ganzen Menschen meint,
mit Leib und Seele, mit Geist und allen sozialen Beziehungen.
dass die Heilungen mit Leib und Seele erfahrbare Anfänge des Heils sind, das Gott durch Jesus für uns Menschen will.

Und so sollen nicht nur dem Blinden die Augen geöffnet werden, sondern auch den Menschen um ihn herum, die zwar sehen können, aber doch nicht sehen.

Nicht umsonst ist diese Heilung eine der letzten vor dem Weg nach Jerusalem. Ein Weg, dessen Sinn die Jüngerinnen und Jünger nicht begreifen konnten, für den sie blind waren. Eine Blindheit, die erst nach der Auferstehung geheilt werden konnte.

Und die Worte, die beschreiben, wie der Blinde wieder sehen kann, zeigen ebenfalls, dass es um mehr geht, als das reine Augenlicht: Und er sah klar und war wiederhergestellt und sah alles deutlich.

Er ist wiederhergestellt, er sieht klar und deutlich.
Es geht um richtiges Sehen - ein Sehen, das auch uns Sehende betrifft.
Denn wer sieht schon richtig? Wer ist schon so wiederhergestellt, dass er klar und deutlich sehen kann?

Nicht umsonst heisst einer der berühmtesten Sätze zum Sehen:
Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Und so geht es letztlich bei dieser Heilungsgeschichte auch um die Frage,
ob ich die Hilfe Jesu annehmen möchte, die mein Leben wiederherstellt und mir richtiges und deutliches Sehen ermöglicht.

Ein Sehen, das seine Sicht der Dinge immer wieder überprüft.

Ein Sehen im Glauben, der mein Leben in einem Licht erleuchtet, das nicht von dieser Welt ist.

Ein Sehen, das mir den Kontakt mit Gott auf eine neue und erleuchtende Weise ermöglicht und womöglich mein Leben so umkrempelt wie Jesus das Leben des Blinden durch die Heilung.

Also enthält diese kurze und schlichte Heilungsgeschichte viele von mir unerwartete Anregungen, die ich mitnehmen kann und die mir vielleicht auch die Augen öffnen können.

Ich möchte mit einem Text von Hans Dieter Hüsch schliessen über das wahre Sehen und das Reich Gottes:

Ich sehe ein Land mit neuen Bäumen.
Ich sehe ein Haus aus grünem Strauch.
Und einen Fluss mit flinken Fischen
und einen Himmel aus Hortensien sehe ich auch.
Ich sehe ein Licht von Unschuld weiss.
Und einen Berg, der unberührt.
Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer,
der alle Tiere in die Freiheit führt. -
Ich hör ein Herz, das tapfer schlägt -
in einem Menschen, den es noch nicht gibt,
doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt,
weil er erscheint und seine Feinde liebt.
Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe.
Das ist die Welt, die nicht von unserer Welt.
Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe
und Freunde, seht und glaubt: Sie hält.
Das ist das Land, nach dem ich mich so sehne,
das mir durch Kopf und Körper schwimmt.
Mein Sterbenswort und meine Lebenskantilene,
dass jeder jeden in die Arme nimmt.
Amen


Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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