Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Markus 7,31-37
30.08.2009
Kirche Bözberg
Pfr. Thorsten Bunz


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Markus 7,31-37

31 Und wieder kam er, als er das Gebiet von Tyrus verlassen hatte, durch Sidon an den See von Galiläa mitten hinein in das Gebiet der Dekapolis. 32 Da bringen sie einen Taubstummen zu ihm und bitten ihn, ihm die Hand aufzulegen. 33 Und er nahm ihn beiseite, weg aus dem Gedränge, legte die Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, 34 blickte auf zum Himmel und seufzte, und er sagt zu ihm: Effata! Das heisst: Tu dich auf! 35 Und sogleich taten seine Ohren sich auf, und das Band seiner Zunge löste sich, und er konnte richtig reden. 36 Und er befahl ihnen, niemandem etwas zu sagen, doch je mehr er darauf bestand, desto mehr taten sie es kund. 37 Und sie waren völlig überwältigt und sagten: Gut hat er alles gemacht, die Tauben macht er hören und die Stummen reden.

Liebe Gemeinde,

eine Wundergeschichte ist heute Thema des Gottesdienstes.
Das Wunder, wie Jesus dem Taubstummen Mund und Ohren öffnet.
Eine Wundergeschichte, die man einfach so glauben kann. Oder eine Wundergeschichte, die unser modernes aufgeklärtes Denken anregt:
- Wie soll das gehen?
- War er vielleicht nicht wirklich krank?
- Wenn doch, was für eine Krankheit sollte das gewesen sein?
- Konnte er früher sprechen, oder war er von Geburt an stumm?
- Wie hat Jesus das gemacht?

- Und dann auch diese Frage, die viele auch heute umtreibt: Wenn Jesus diesen Taubstummen heilen konnte, warum müssen wir dann heute noch immer an unheilbaren Krankheiten leiden?


Sie dürfen mir glauben, liebe Gemeinde, dass auch mich solche Fragen umtreiben. Und als ich mich mit diesem Text für heute beschäftigt habe, habe ich auch gedacht: Will ich eine solche Wundererzählung überhaupt predigen? Wer glaubt das denn heute noch?
Wer will das heutzutage noch hören?

Bei solchen Wundern hören die meisten Menschen doch einfach weg!

Und genau darin liegt der Schlüssel zu diesem Text!
Im Hören. Im Hören können und im Hören wollen.

Kinder wollen oft nicht hören.
Wie oft sage ich "Kannst du nicht hören?" wenn mein Sohn wieder einmal nicht das macht, was ich ihm sage.

Bei Kindern regt es uns auf, wenn sie nicht hören.


Aber bei Erwachsenen ist es nicht viel anders!
Und da kann ich mich gar nicht ausnehmen davon.
Auch Erwachsene mögen nicht immer hören!

Unsere Welt ist so voll von Informationen.
Immer und überall wird man beschallt und mit Musik, Lärm, Klatsch und Tratsch geradezu belästigt. Dass dabei die meisten Nachrichten auch noch negativ sind, ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Es ist vielmehr insgesamt einfach zu viel, was auf uns einredet und in unsere Ohren dringt.

Ich kann es nicht mehr hören - ich will es nicht mehr hören. - Wie verständlich, wenn wir das ausrufen!

... Aber Gottes Wort? ... Das sollten wir doch hören wollen! Gottes Wort will uns doch etwas ganz neues sagen, etwas neues mitteilen, das sich zu hören lohnt. Gottes Wort ist nicht einfach nur eine weitere schlechte Nachricht, bei der wir besser weghören sollten.
Gottes Wort will uns sagen: ... ja, was eigentlich?

Die Erzählung von der Heilung des Taubstummen ist sehr alt. Fast 2000 Jahre.
Damals mögen die Menschen an derartige Wunder geglaubt haben. Damals wird aufgrund solcher Erlebnisse der Glaube an Jesus Christus und somit an Gott eine Stärkung erfahren haben.
Heute ist das anders.
Wenn heute ein Wunderheiler mit solchen Methoden heilen wollte, würde er mindestens als unhygienisch verurteilt. Ohne Einweghandschuhe und Mundschutz läuft heutzutage gar nichts - da kann man nicht einfach einem Kranken die Finger in die Ohren stecken und die Zunge mit Speichel berühren ...

Und doch steht in diesem Text auch für heute etwas wichtiges drin! Nämlich grad vorher:
Jesus nimmt den Mann beiseite, nimmt ihn weg aus dem Gedränge.

Wir können uns dieses Gedränge gar nicht wild und gross genug vorstellen. Die Menschen glauben an Jesus, haben so grossartige Geschichten von ihm gehört ... die Menschen wollen Jesus sehen, wollen ihn anfassen, ihn fühlen - seine Macht wollen sie fühlen.

Wenn Jesus jemandem nur schon seine Hände auflegt, so geht bereits davon eine mächtige Wirkung aus.

Der Taubstumme, der übrigens in der ganzen Erzählung nicht einmal einen Namen erhalten hat, kann sich glücklich schätzen! Er hat Freunde! Er hat Kollegen, die ihn in diese Menschenmenge zu diesem Jesus bringen.

Und sie bringen ihn gar nicht zu Jesus, damit der ihn heilen solle, sondern sie bringen den Taubstummen zu ihm
und bitten ihn, ihm die Hand aufzulegen.

Nur die Hand soll Jesus ihm auflegen - mehr nicht.

Der Mann ist Taubstumm, so heisst es. Weiss dieser Mann überhaupt, wie ihm geschieht? Hat er überhaupt verstanden, warum ihn die Freunde mit in diese Menschenmenge, in dieses Gedrängel geschleppt haben?
Jeder, der nur ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Hören hat, weiss doch, dass es gerade in Gruppen erst recht kaum noch möglich ist, irgendetwas zu verstehen. Was wird diesem Mann durch den Kopf gegangen sein?

Und nun trifft er auf Jesus. Und Jesus legt ihm eben nicht einfach nur seine Hände auf, sondern Jesus kümmert sich um ihn. Jesus nimmt ihn beiseite. Er nimmt ihn heraus aus dem Gedrängel. Vielleicht hat Jesus so etwas wie ein Separée, eine Mauernische vielleicht. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Moment der Ruhe, weil ihn die Jünger etwas abschirmen können von der Menschenmenge.
Für den Taubstummen mag dieser Moment etwas ganz besonderes sein. Da ist einer, der sich ihm persönlich zuwendet. Und das, obwohl er nicht hören und nicht sprechen kann.

Für unsere heutige Zeit ist schon das ein Wunder, so habe ich jedenfalls manchmal den Eindruck. In unserer heutigen Zeit sind die meisten Menschen derart in ihre eigenen, sicher auch sehr wichtigen Geschäfte vertieft, dass sie gar kein Ohr haben, für die Sorgen und Freuden der Menschen ringsherum. Wer hört es denn noch, wenn ich sage, es geht mir nicht gut?
Und: Wer sagt es denn überhaupt noch, wenn es nicht gut ist? Es hört mich ja doch niemand, warum sollte ich da etwas sagen?
Ich werde nicht gehört ... ich sage nichts ... dann höre ich auch nicht mehr ... und werde nicht gehört, weil ich nichts sage ... und höre nichts, weil niemand etwas sagt - oder jedenfalls nicht zu mir ... ...
Es ist ein Teufelskreis .... Entschuldigen Sie dieses Wort hier von der Kanzel - das haben Sie nun bestimmt gehört.

Aber es ist so: Die Menschen reden nicht mehr miteinander. Sie reden allenfalls aufeinander ein - aber sie hören nicht wirklich zu.

In unserer heutigen Zeit ist es schon ein Wunder, wenn sich Menschen füreinander Zeit nehmen. Zeit haben für einen einzigen Menschen, obwohl doch ringsherum eine ganze Menschenmenge auf einen wartet.

Jesus vollbringt dieses Wunder - er nimmt sich die Zeit, sich diesem einen Mann zuzuwenden.

So ist dieses eigentliche Heilungswunder entmythologisiert, wie die Fachleute so schön sagen, seiner Besonderheit entrissen. Es ist dann eigentlich gar nichts Besonderes mehr.
Und zugleich ist es eben doch etwas ganz Besonderes, eben weil es so ungewöhnlich ist - und wenn etwas ungewöhnlich ist, dann ist es doch so etwas wie ein Wunder.

Von Jesus werden uns viele Wunder erzählt. Er heilt regelmässig Menschen von Krankheit oder Behinderung. Diese Wunder, von denen die Bibel erzählt, zeigen uns die Macht und die Liebe Gottes. Sie sind Erfahrungen der Menschen damals mit Jesus. Die Menschen damals haben Jesus als Helfer und Befreier erlebt.
Aber Jesus tut eigentlich nichts mehr, als die Menschen ernst zu nehmen. Er tut nichts mehr, als ihnen mit der Liebe Gottes zu begegnen. Er bringt ihnen die Liebe Gottes entgegen. Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger!

Wenn wir nun heute, in unserer Zeit, in der wir keinen Platz für Wunder haben, diesen Text hören, dann will uns dieser Text eben genau dafür das Ohr öffnen: Für die Wunder, die eben auch heute noch passieren!
Die beiden Lieder, die wir vor und nach der Lesung gesungen haben, die drücken alles aus, was dieser Predigttext heute sagen will - darum habe ich ja diese beiden Lieder ausgewählt und mochte nicht entscheiden.
Das erste ist im Gesangbuch mit Geburtstag überschrieben. Es formuliert den Wunsch, es mögen Erde und Himmel blühen, es möge Freude grösser sein als Mühen, und es bleibe Zeit für Wunder.
-> Zeit für Wunder - das ist doch mal ein toller und viel sagender Wunsch zum Geburtstag, nicht wahr?

Jesus nimmt sich die Zeit, Wunder zu tun! Weil er sich die Zeit nimmt, mit diesem einen Menschen zu reden, für ihn da zu sein! ... Was ist das ein tolles Geschenk, sich Zeit zu nehmen, ein solches Wunder zu tun!

Wenn ringsherum eine Menschenmenge darauf wartet, dass ich etwas für die vielen Menschen tue, dann gehört schon auch sehr viel Mut dazu, diese Menschenmenge warten zu lassen. Warten zu lassen, um mich zuerst einem einzigen zuzuwenden.

Jesus lässt die Menschenmenge warten.Jesus nimmt zuerst diesen einen Mann beiseite und wendet sich allein ihm zu.


Von solchem Mut singt das zweite Lied:

Herr, gib uns Mut zum Hören auf das, was du uns sagst. Gib du uns Mut zur Stille, zum Schweigen und zum Ruh'n.
Es gehört eben auch Mut dazu, Wunder zu wirken und Wunder wirken zu lassen. Wunder zu erkennen und erkennbar zu machen.

Wer heutzutage noch daran glaubt, dass Jesus solche Wunder - auch heute noch - tun kann, der muss auch Mut haben, solchen Glauben zu vertreten. Darum auch die letzte Strophe in dem Lied: Gib du uns Mut zum Glauben an dich, den einen Herrn.

Eine Wundergeschichte im Gottesdienst. 2000 Jahre alt. Ein Heilungswunder angesichts unheilbarer Krankheiten. Eine äusserst unhygienische Therapie noch dazu in einer Zeit, in der vor einer hoch ansteckenden Schweinegrippe regelmässig gewarnt wird. Auch dazu gehört Mut.
Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken! Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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