Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Lukas 9,57-62
15.03.2009
Kirche Mönthal
Pfr. Th. Bunz


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Lukas 9,57-62

Und als sie so ihres Weges zogen, sagte einer zu ihm:
Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.
Jesus sagte zu ihm:
Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.

Zu einem anderen sagte er:
Folge mir!
Der aber sagte: Herr, erlaube mir, zuerst nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.
Er aber sagte zu ihm:
Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkündige das Reich Gottes.

Wieder ein anderer sagte:
Ich will dir folgen, Herr, zuerst aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die zu meiner Familie gehören.
Jesus aber sagte zu ihm:
Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns in der Passionszeit.
Im Kirchenjahr geht es dem Ende entgegen: Dem Ende Jesu.

Sein Leiden, seine Passion, prägt die Stimmung in den christlichen Gottesdiensten.
Dort, wo in der Liturgie zu anderen Zeiten gesungen wird, dort wird in der Passionszeit geschwiegen.
In der reformierten Liturgie merken wir diese Unterscheidung nicht. Wir sind immer recht schlicht, singen sowieso nur die ausgewählten Lieder und kennen keinen Wechselgesang der Gemeinde.
Die Passionszeit prägt aber dennoch unsere Gottesdienste: In der Auswahl der Bibeltexte, die der Predigt zugrunde liegen. Und in der Auswahl der Lieder.

Wenn es um Jesus geht, geht es um Nachfolge. Wir sollen ihm nachfolgen.
Und wenn es um die Passionszeit geht, dann geht es um Leiden. Wir sollen Jesus auch im Leiden nachfolgen. Jesus nachzufolgen ist kein Schleckstängel, sondern Jesus nachzufolgen bedeutet auch mit ihm zu leiden.

Nun wollen die Menschen ja dennoch Jesus nachfolgen. Und das ist ja auch gut so, schliesslich hat seine Verkündigung des Reiches Gottes ja Gutes zu bieten.
Das soeben gesungene Lied drückt diesen Nachfolge-Wunsch klar und unmissverständlich aus: Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn, und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen ...
Und in unserem Bibeltext, der für heute als Predigt vorgeschlagen ist, gibt es ebenfalls Menschen, die Jesus nachfolgen wollen, die mit ihm gehen wollen, das Reich Gottes zu verkündigen.

Da sollte sich Jesus doch freuen! Oder nicht?
Vermutlich freut er sich auch sogar. Aber er zeigt es nicht!
Viel mehr scheint die Reaktion Jesu dazu geeignet, sich von der Idee der Nachfolge abbringen zu lassen!

Dem Ersten führt Jesus vor Augen, wie unbequem der Weg der Nachfolge ist: Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
Es ist eben kein komfortables Wohnen, sondern es ist ein Unterwegs-Sein.
Es ist aber auch kein komfortables Reisen, sondern es ist ein Pilgerweg: Ohne eine sichere Unterkunft, ohne die Gewissheit eines sauberen Bettes zur Nacht und ohne die Aussicht auf einen heissen Kaffee am Morgen.
Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.

Nun gut: diese Antwort Jesu ist realistisch. Er macht im Grunde nichts mehr und nichts weniger, als seine ‚Mitreisenden' über die Umstände der Reise in Kenntnis zu setzen. Es soll hinterher keiner sagen, er habe es nicht gewusst - Regress nicht möglich.
Aber Jesus ist ja kein Reiseunternehmen. Wer mit Jesus geht, geht nicht einfach auf eine Reise, auf der er etwas erleben könnte und von der er dann auch einmal wieder zurück kehren wird.
Nachfolge Jesu bedeutet Veränderung! Da ist hinterher nichts mehr so, wie es vorher war. Da gibt es hinterher auch nichts mehr, wohin wir zurück kehren könnten.

Nachfolge Jesu bedeutet alles hinter sich lassen, was gewesen ist. Und zwar in aller Konsequenz!

Das bekommen der Zweite und der Dritte zu spüren:
Der Zweite will erst noch seinen Vater begraben. Aber Jesus sagt zu ihm, lass doch die Toten ihre Toten begraben!
Der Dritte will seiner Familie ‚Ade!' sagen. Aber Jesus sagt zu ihm, niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.

Nachfolge bedeutet Veränderung und Neuanfang. Nachfolge bedeutet Abbruch mit der Vergangenheit.
Ja - aber so radikal? ... und so plötzlich?

Ist denn die Totenwache so wenig wert? Und ist es denn nicht recht, die Toten zu bestatten?
Und ist denn die Familie so wenig wert? Und ist es denn nicht recht, die Familie zu verabschieden?

Dieser Text fordert heraus, liebe Gemeinde! Er fordert dazu heraus, Stellung zu beziehen, und zwar auch dann, wenn es unbequem wird.
Sind wir denn wirklich bereit, in solch konsequenter Weise eine Nachfolge zu verwirklichen?

Ehrlich gesagt: Nein!
Nein, wir sind nicht bereit, in solcher Konsequenz Nachfolge zu leben und zu verwirklichen.


Und damit wir uns dennoch nichts vorzuwerfen haben, sage ich Ihnen, welche Modelle denkbar und möglich sind, um dem Anspruch Jesu dennoch gerecht zu werden:


1. Vorbilder und Heilige
Es gab ja in den letzten 2000 Jahren genügend Menschen, die in solch konsequenter Weise Jesus nachgefolgt sind.
Zum einen bereits die Jünger, die schon damals mit ihm unterwegs waren,
zum anderen gleich hernach der Apostel Paulus, der in der Nachfolge Jesu so zahlreich Gemeinden gegründet hat und ja auch gerade wegen seiner konsequenten Nachfolge mehr als einmal im Gefängnis gesessen ist.

Später waren es die Ordensgründer, die asketische Gebetsgemeinschaften gründeten, aus denen dann hernach die Klöster hervorgegangen sind. Denken wir nur an Franz von Assisi, der als reicher Kaufmannssohn alles verschenkt hat, um dann in Armut nur noch für das Wort Gottes zu leben.
Aus seinem Vorbild sind die Franziskaner hervorgegangen, die bis heute als Bettelorden bestehen.

Und auch aktuell noch gibt es Vorbilder, die in solch einer konsequenten Nachfolge für das Wort Gottes leben: Zum Beispiel Pfarrer Sieber in Zürich.

Solche Vorbilder und Heilige können wir unterstützen und damit zumindest unseren Teil dazu beitragen, deren Nachfolge zu verwirklichen.
Das ist weit einfacher, als sich gleich selbst mit auf diesen Weg zu machen.



2. Sozialgefüge, Familie, karitatives Engagement
Jesus hat zwar speziell in diesem Text zur Abkehr von der Familie aufgerufen - keine Bestattung der Toten mehr, kein Abschiednehmen - ... aber: Jesus hat doch Gemeinschaft gelebt!
Jesus hat gefeiert - denken wir nur an das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kanaa.
Jesus hat sich mit den Menschen zusammen an den Tisch gesetzt - er ist auch zu den Menschen in die Häuser gegangen.
Es kann also doch nicht sein, dass solche häusliche Gemeinschaft nicht wichtig ist!

Wenn wir uns nun heutzutage für diese Gemeinschaft einsetzen, dann muss das doch auch im Sinne der Nachfolge Jesu sein!
Wer daheim die kranke Mutter pflegt, ihr tagtäglich zur Seite steht und ihr behilflich ist bei den alltäglichen Kleinigkeiten - oder mehr: wer die kranke Mutter wäscht und kleidet, ihr das Essen reicht und wo nötig auch noch in der Nacht bei ihr wacht ... der kann doch nicht alles stehen und liegen lassen, um im Namen Jesu unterwegs zu sein,
sondern der ist doch tagtäglich und zu jeder Stunde und Minute im Namen Jesu wenn auch nicht unterwegs, so doch im Einsatz!


und 3. Die Zeiten haben sich eben geändert
Wir sind sesshaft geworden.
Sesshafter jedenfalls, als es die Menschen zur Zeit Jesu noch waren.
Warum hat denn bereits der Apostel Paulus Gemeinden gegründet? Warum ist denn aus diesen ersten Gemeinden, die sich noch in den Wohnstuben ihrer Mitglieder getroffen haben, eine verfasste Kirche geworden?
Und warum sind aus dieser einen verfassten Kirche während der Reformationszeit dann weitere hervorgegangen, die ebenfalls Standorte gegründet haben?
Sollte das alles etwa nicht im Sinne Gottes, nicht im Sinne einer Nachfolge Jesu Christi geschehen sein?

Nein.
Wir sind sesshaft und wir haben unseren Ort.
Und an diesem Ort können und wollen wir in der Nachfolge Jesu Christi leben und wirken.


--

Drei Möglichkeiten, die uns ein allfälliges schlechtes Gewissen im Blick auf die Radikalität, die in Jesu Worten liegt, ausräumen sollen.
Drei Möglichkeiten aber auch, uns einen neuen Blick darauf zu ermöglichen, um was es in diesen Worten Jesu gehen kann - für uns heute:

Es gilt, Prioritäten zu setzen!

Es gilt, eine Rangordnung aufzustellen, um festzustellen, was mir wichtig ist.

Dann, wenn es darum geht, Jesus radikal nachzufolgen, dann gibt es nichts Wichtigeres mehr, als dies sofort in die Tat umzusetzen. Dann ist eben das Begraben des Vaters und das Verabschieden der Familien nicht mehr wichtig.

Wenn es mir aber wichtig ist?
Ja: dann mach das.

Aber: Wem es wichtig ist, etwas in seiner Vergangenheit zu ordnen - und nichts anderes ist genau betrachtet ja das Verabschieden auch - wem es also wichtig ist, in der Vergangenheit etwas zu ordnen, der muss sich darüber im Klaren sein, dass ihn genau das bei einer freien und vielleicht unabhängig mutigen Zukunftsgestaltung behindern wird.

Um Neues zu wagen, um Neues auszuprobieren, muss man sich von Altem lösen.
Und das kann und muss manchmal auch schmerzhaft radikal und rücksichtslos plötzlich sein.

Lange Abschiedsveranstaltungen sind schön und tun denen, die verabschiedet werden, sicher auch gut.
Aber Abschiedsveranstaltungen schauen doch immer nur die Vergangenheit an: Was war er toll, wie war sie gut, wie haben wir die Anwesenheit genossen. ... Ja: das ist gut, dass man das auch ausdrückt.
Aber fängt damit etwas Neues an?

Nein: Das Neue fängt damit an, dass man das Alte hinter sich lässt.


In Familien ist das von Generation zu Generation ein Thema: Neues anfangen, Altes hinter sich lassen.
Den Hof übernehmen: Ja. Aber bitte nichts verändern, es ist ja immer alles gut gelaufen so ... ... Aber wenn modernisiert werden soll, dann muss auch mal etwas Altes rausgeworfen werden!
Neue Ideen in der Schule, neue Unterrichtsmodelle und Erziehungsstile: Ja. Aber die Kinder müssen doch auch noch etwas lernen, uns hat es doch auch nichts geschadet ... ... Aber wenn neue Unterrichtsmodelle und Erziehungsstile Raum haben sollen, dann dürfen nicht alte Zöpfe im Wege hängen ...

Eine solche Liste liesse sich fast endlos fortsetzen.
Nur eines noch:
Sterben können. Wie soll ich in Frieden sterben können, wenn ich mich nicht lösen kann von dem, was ich auf Erden zurück lassen muss? Ja, das gibt es: Wir werden am Sterben gehindert, weil wir noch dieses oder jenes erleben möchten, weil wir noch dieses oder jenes sortieren möchten ... vielleicht auch noch Einfluss nehmen möchten.

Ich möchte keinem Sterben zur Unzeit das Wort reden.
Sondern ich rede von dem Sterben alt und lebenssatt.

Ich weiss von Menschen, die im Grunde bereit sind zum Sterben - und die das auch sagen.
Die aber zugleich noch an so vielem Alten hängen, dass sie eben das Neue - das Sterben - noch nicht zulassen können.

Ich glaube, auch das ist mit Jesu Worten von der Nachfolge gemeint!


Es geht Jesus auch um die Bereitschaft, das Leben auf der Erde hinter sich zu lassen ... nicht zur Unzeit, aber wenn es Zeit dazu ist.

Und für Jesus ist es Zeit dazu!

Wie ich eingangs bereits sagte: Die Texte in dieser Zeit gehen auf Jesu Ende zu: auf seine Passion, seine Leidenszeit.

Jesus hat dieses Leiden auf sich genommen.
Er hat an nichts gehangen, an nichts zurück gedacht, nichts erst noch geordnet oder verabschiedet.

Jesus schaut nach vorn.


Und darin kann dieser Text heute für uns Vorbild und Gedankenanstoss sein: Schau nach vorn!

Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück,
dem würde bei dem steinigen Boden hier schnell einmal der Pflug an den vielen Steinen brechen ... nach vorn schauen, schauen, wo die Reihe hinführt.


Wagen Sie es!
Schauen Sie nach vorn!
Nehmen Sie mutig in Angriff, was Sie schon längst einmal tun wollten ... ohne zu überlegen, was wohl dann aus diesem oder jenem wird.
Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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