Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Lukas 5,1-11
12.07.2009
Waldhütte Altstalden
Pfr. Th. Bunz


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Lukas 5,1-11

1 Es geschah aber, während das Volk sich um ihn drängte und das Wort Gottes hörte und er am See Gennesaret stand, 2 dass er zwei Boote am Ufer liegen sah. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen die Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Als er aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Simon: Fahr hinaus ins Tiefe, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon entgegnete: Meister, die ganze Nacht hindurch haben wir gearbeitet und nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
6 Das taten sie und fingen eine grosse Menge Fische, ihre Netze aber drohten zu reissen. 7 Da winkten sie den Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und mit ihnen Hand anlegen. Die kamen, und sie machten beide Boote so voll, dass sie beinahe versanken.
8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füssen und sagte: Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn er und alle mit ihm erschraken über den Fang, den sie getan hatten; 10 so auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Simons Gefährten waren.
Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote an Land, liessen alles zurück und folgten ihm.

Liebe Gemeinde,

während viele Familien zu dieser Zeit in den Ferien sind, dürfen wir heute hier an der Waldhütte Gottesdienst feiern. Wir haben unsere Ferien bereits hinter uns - und davon möchte ich Ihnen etwas erzählen.
Wir waren im Juni für drei Wochen in England. Dort haben wir ein paar Tage in London verbracht.
Wir sind durch die Londoner City gebummelt - mit Tobias auf dem Rücken und Jan im Buggy. So eine grosse Stadt haben diese beiden Buben, die hier auf dem Bözberg aufwachsen dürfen, noch nie gesehen. So eine grosse Stadt und so viele Menschen.
Wir sind durch die Londoner Parks gewandert aber auch durch die Fussgängerzonen. Piccadilly Circus, Leicester Square, Trafalgar Square, Covent Garden - alle diese berühmten Plätze und Flaniermeilen.
Ich mag an diesen Orten das wuselige Treiben so vieler Menschen. Menschen beobachten finde ich grossartig. Und dann finden sich an vielen Stellen Strassenmusikanten, Akrobaten und Künstler. Hier spielt Musik, dort singt jemand, drüben kurvt jemand auf einem Einrad und jongliert mit lärmenden Kettensägen. Sehr beeindruckend. Sie können sich vorstellen, dass da auch für kleine Kinder viel zum Gucken dabei ist.
Wir haben an mehreren Stellen das ganze Programm eines Akrobaten angeschaut. Also verschiedene Menschen, die ihr Können zum Besten gaben. Und eines ist mir dabei sehr stark aufgefallen: Das eigentliche Programm ist gut. Ich selbst wäre sicher nicht in der Lage, solche Kunststücke zu vollbringen.
Aber das eigentliche Programm macht nur einen sehr kleinen Teil der ganzen Vorstellung aus.
Die meiste Zeit sind diese Künstler damit beschäftigt, Menschen anzulocken und diese zum Dabeibleiben zu bewegen.
Da werden grossartige Dinge angekündigt.
Da werden vorbeilaufende Passanten angesprochen.
Da werden Kreise gezogen, um Aufmerksamkeit zu wecken. "Näher kommen, Näher kommen!" heisst es dann.
Da werden einzelne zum Mithelfen ausgewählt - die halten mal ein Seil fest und werden für eine helfende Hand mit Applaus belohnt.
Es macht Spass, dort zuzusehen. Aber es ist eben noch nicht Akrobatik, sondern es ist - wenn man es nüchtern betrachtet - reine Werbung.
Aber eine Werbung, die tatsächlich funktioniert! Die Menschen bleiben stehen! Die Zuschauergruppe wird immer grösser.
Irgendwann ist es dann so weit: Der Höhepunkt der Show naht - wortreich und gestenreich angekündigt.
Und Schwupps - vorbei.
Und dann wird der Sammelkorb rausgeholt, der Hut hingehalten, der Rucksack aufgemacht ... und die Menschen werfen ein paar Münzen in die Kollekte.

Warum ich Ihnen das erzähle? ... Naja, ich fühlte mich daran erinnert.
Werbung - Leute um sich scharren - Show - und dann eine Kollekte.

Als ich den Bibeltext für heute las - den Fischzug des Petrus - fühlte ich mich genau daran erinnert.

Jesus ist am See Genezareth. Eine grosse Menschenmenge umgibt ihn. Alle wollen hören, was er ihnen zu sagen hat.
WERBUNG ... wenn man es so nennen will:
Die Menschen haben von ihm gehört. Die Menschen haben gehört, dass er Kranke heilen kann.
Die Menschen haben von ihm gehört, dass er in besonderer Vollmacht Gottes zu ihnen spricht.
Nun wollen diese Menschen am See Genezareth hören, was Jesus zu ihnen zu sagen hat.

Doch Jesus hat auch noch Steigerung für die Spannung:
Er steigt in ein Boot und lässt sich von einem Fischer auf den See fahren.


Das ist doch eine schöne Szene:
Das Seeufer gesäumt von Menschen
und Jesus im kleinen Fischerboot im Wasser.

Und von dort aus spricht er zu den Menschen.


Spätestens an dieser Stelle hinkt der Vergleich mit den Akrobaten und Strassenkünstlern gewaltig.
Was Jesus jetzt macht, ist nicht - Schwupp - vorbei.
Jesus spricht zu den Menschen mit der Vollmacht Gottes. Und Jesus hat den Menschen etwas zu sagen - nämlich Gottes Wort.



Was sagt Jesus zu den Menschen?
Das wissen wir nicht.
An dieser Stelle in der Bibel wird jedenfalls inhaltlich nichts zitiert, was Jesus gesagt hat.

Inhaltlich nicht - aber die Wirkung wird aus dem, was jetzt folgt deutlich.


Es wird von Simon berichtet. Simon Petrus.
Bisher ist er Jesus noch nicht begegnet.
Wir dürfen annehmen, dass dieser Simon ein einfacher Fischer ist, der rein zufällig dort am Ufer des Sees sitzt. Vielleicht muss er noch seine Netze vom nächtlichen Einsatz richten und das Boot für den nächsten Einsatz parat machen.

Ausgerechnet ihn bittet Jesus nun, ihn auf das Wasser hinaus zu fahren. Petrus macht das. Und weil er ja nun schon mal dabei ist, hört er den Worten Jesu auch zu.
Er hört zu. Und er erlebt:
er erlebt die Menschenmassen, die Jesus hören wollen;
er erlebt die Mächtigkeit, die von Jesu Worten ausgeht.

Als er zu Jesus spricht, redet er ihn mit éMeister' an.
Das war die Wirkung, die diese Szene auf Simon Petrus hatte.


Und nun geschieht etwas, das uns staunen lässt:
Jesus sagt zu Petrus, er solle jetzt sofort noch einmal hinaus fahren, um seine Netze auszuwerfen. An die tiefste Stelle im See soll er fahren und dort fischen.


Stellen wir uns das vor:
Stellen wir uns vor, ich würde zur Mittagszeit zu einem Bauern in den Stall gehen und ihm sagen, er solle jetzt seine Kühe melken.

Stellen wir uns vor, ich würde mich zum Jürg Schäpper ins Postauto setzen und ihm sagen, wann er welchen Gang einlegen muss, wie er um die Kurven fahren soll ...

Ein Laie kann doch dem Fachmann nicht reinreden!
Ein Fachmann würde sich doch vom Laien nicht reinreden lassen!


Aber genau das passiert hier!
Jesus ist kein Fischer. Vielleicht hat er Ahnung vom Tischlern - Josef war ja Tischler, da wird er sich einiges abgeschaut haben.

Petrus ist Fischer.
Petrus weiss, dass es am besten ist, in der Nacht rauszufahren, um die Netze erfolgreich auszuwerfen.
Petrus weiss, dass es am besten im flachen Gewässer ist, wenn die Fische tatsächlich in die ausgeworfenen Netze schwimmen sollen.
Was Jesus ihm rät, ist aus fachlicher Sicht betrachtet ein Seich.
Er soll jetzt rausfahren und in der Tiefe seine Netze auswerfen.


Und Petrus macht das!
So stark war die Wirkung, die dieser Auftritt Jesu auf ihn gehabt hat, dass Petrus tatsächlich dieser Aufforderung nachkommt.

Klar - er widerspricht erst und sagt, er sei doch in der Nacht schon rausgefahren und habe nichts gefangen.
Aber er lässt sich von dieser Enttäuschung nicht gefangen nehmen, sondern er folgt der Aufforderung Jesu und probiert es.

Einen Versuch ist es ja wert - was hat er zu verlieren?




Das Wunder geschieht: Die Fischernetze sind rasch voll. So voll, dass Petrus allein die Netze gar nicht bewältigen kann. Er muss seine Fischerkollegen herbeirufen. Mit vereinten Kräften ziehen sie die vollen Netze in ihre Boote, leeren die Fische in die Boote aus, die übervoll sind und fast unterzugehen drohen.
So einen reichen Fang haben sie wohl noch nie gehabt. So einen reichen Fang ... Und das, weil sie den Worten Jesu Vertrauen geschenkt haben.


Diese Geschichte in der Bibel ist ein Beispiel für die Kraft des Glaubens. Der Glaube an etwas kann jeglichen Zweifel überwinden.
Und wenn dann dieser Glaube auch noch derart mit Erfolg belohnt wird, dann ist es doch erst recht gut, dass man es probiert hat.

Petrus fährt im Namen Jesu auf den See, um seine Netze auszuwerfen.
Im Namen Jesu - wenn man so will - fängt Petrus reichlicher, als er es sich hätte ausmalen können.

Jesus spricht zu den Menschen im Namen Gottes.
Im Namen Gottes geschehen derartige Wunder. Der überreiche Fischfang ist ein Bild für die überreiche Güte Gottes.
Die Güte Gottes wirkt entgegen menschlicher Erwartung und entgegen menschlicher Vernunft.
Wenn es sein muss eben auch am helllichten Tag beim Fischen.

Die Güte Gottes erreicht Petrus bei seiner Arbeit. In seinem Alltag trifft ihn die Güte Gottes derart, dass sie sein Leben verändert.

Von jetzt an gehört er dazu! Von jetzt an ist Petrus nicht mehr nur der zufällige Zuschauer.


Das ist der Schluss dieser Begegnung.
Der Fischzug des Petrus ist zugleich die Berufung des Petrus.

Jesus sagt zu ihm, er wolle ihn zum Menschenfischer machen.

"Von jetzt an wirst du Menschen fangen!"



Petrus will eigentlich nicht.
Denn Petrus sind die Augen aufgegangen:

Als Petrus diese überreiche Güte Gottes sieht, fühlt er sich klein und sündig.
Gegenüber dem, was Jesus im Namen Gottes leisten kann, kann Petrus gar nichts.

"Geh weg von mir, Herr,
denn ich bin ein sündiger Mensch!"
so ruft Petrus in seiner Angst.


Wissen Sie was?
Das ist eine Szene, die mich auch an etwas in meinem Alltag erinnert:
An die Suche nach einem Präsidenten für die Kirchenpflege ... oder wenigstens neuen Mitgliedern.
Viele, die wir gefragt haben, haben uns gesagt, "ich kann das nicht!".
Das selbst zugesprochene "Ich kann das nicht" verhindert den Versuch ...

Gut, dass Petrus es versucht hat!
Gut, dass Petrus Jesus vertraut hat!

Gut, wenn auch wir in Gottes Verheissungen Vertrauen haben!


Petrus probiert es - und er wird zu höherem, zu grösserem berufen:

Petrus soll Menschenfischer werden!


Früher habe ich mir darunter einen Pflastermaler vorgestellt. Der Pflastermaler in der Fussgängerzone, der das Bild einer kleinen Postkarte auf 3 mal 5 Meter auf die Pflastersteine malt. Mit bunten Kreidestummeln, die Hände in fingerlosen Handschuhen.
Ganz versunken in seine Arbeit.

Und drumherum sammeln sich Menschen, die ihm bei seinem Schaffen zuschauen. Passanten, die im flinken Vorbeihuschen von der Anmut des Malers ergriffen werden. Menschen, die sich einfangen lassen von dem, was der Pflastermaler auf den Boden zaubert.

Ein Menschenfischer.


Auch die Künstler in Covent Garden, am Leicester Square und anderswo sind solche Menschenfischer.

Sie locken die Menschen an mit ihren Künsten, präsentieren, welche Gaben ihnen gegeben sind.



Und mehr noch:
Diese Künstler holen die Menschen aus ihrer Geschäftigkeit heraus: die Menschen bleiben stehen, halten inne in ihrer Eile ... sind für einen Moment frei von allem drumherum, sind vertieft in diese Kunst.



Menschenfischer - in der Antike waren das die, die die Sklaven freigekauft haben. Diejenigen wurden als Menschenfischer bezeichnet, die Sklaven aus ihrer Herrschaft befreit haben - freigekauft und in die Freiheit entlassen.
Menschenfischer ermöglichen ein neues Leben.

Wenn Jesus nun Petrus dazu aufruft, ihn zu einem Menschenfischer zu machen, dann meint er damit genau das:
Befreie Menschen aus allen Fesseln ihres Alltags.
Befreie Menschen zu einem neuen Leben mit Gott!

Simon Petrus lässt sich aus seinem Alltag herausrufen und geht fortan einen neuen Weg.
Einen Weg mit Jesus - einen Weg mit Gott.


Der Ruf des Menschenfischers geht auch an uns.
Ganz leise manchmal, kaum wahrnehmbar.
Mitten in unserem Alltag kann er uns treffen - überall, wo wir sind.
Der Ruf des Menschenfischers, der uns aus unseren Ängsten, Sorgen und Nöten befreien will.
Der uns im Vertrauen auf Gott ein befreites Leben schenken will.

Wir müssen nur hinhören - und Vertrauen.
Wir müssen nur vertrauen - und ungewohntes wagen.

Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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