Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Lukas 18,9-14
und der Kinofilm Chocolat
15.02.2009
Kirche Bözberg
Pfrn. Chr. Straberg


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Diese Predigt gehört zum Film-Anlass 'Kino in der Kirche'

Der Film, den wir zeigen, heisst "Chocolat". Es ist ein bekannter Film, von dem jemand einmal geschrieben hat, dieser Film zeige die Erlösungsbedürftigkeit der Menschen und stelle zugleich wie in einem Gleichnis von Jesus den Weg dar, wie sie diese Erlösung aus ihren Verhältnissen erlangen können.

Vorab geben wir eine kleine Einführung in den Film und seinen Inhalt. Dann lesen wir eines der Gleichnisse Jesu, das Charaktere aus dem Film treffend illustriert und uns einen Spiegel vorhält. In der Predigt wird versucht, beides zusammenzubringen.

Der Film Chocolat

Eine Frau kommt in ein trostloses Provinznest in Frankreich, in dem in jeder Beziehung Winter herrscht. Die Bewohner des Ortes fristen ein trübes Dasein. Viele traurige Lebensgeschichten sind hier zu finden - eine von ihrer Familie gemiedene Grossmutter - eine von ihrem Ehemann misshandelte Frau - ein alter Witwer, der sich nicht traut, an seinem Lebensende noch einmal seine Liebe zuzulassen - ein hilfloser Priester, dem der Bürgermeister die Predigten schreibt...
Dieser Bürgermeister ist der Aufseher und Hüter dieser kleinen Gemeinschaft, ein streng gläubiger Katholik, der unnachsichtig über Kirchgang und Lebenswandel seiner Gemeindeglieder wacht.
In diesem Ort nun nimmt die alleinerziehende Frau, Vianne, mit ihrer Tochter Wohnung und beginnt langsam, die Menschen zu verändern. Langsam, unscheinbar, aber stetig wirkt der Zauber dieser Fremden:
Die Kälte in den Herzen weicht der Wärme, die Tristesse einer neuen Lebensfreude, die Liebe gewinnt wieder Raum. Zeichen für diese Veränderung ist Schokolade - für jeden Menschen findet Vianne die für ihn besondere Sorte, die eine neue Seite in seinem Leben zum Schwingen bringt. Aber auch sie selbst ist nicht frei von Zwängen und Nöten - und auch sie findet am Ende ihren Weg. Am Ende ist das Dorf wie verwandelt. Die Menschen haben wieder Freude und Sinn im Leben gefunden.

Im Zentrum des Filmes Chocolat steht die Erlösung der Menschen aus den Unheilsgeschichten ihrer Biographie und die Befreiung von einem Gesetz, das einschüchtert und erdrückt.
Es geschieht das, was das zentrale Anliegen Jesu war.
Dieser Film ist wie eines seiner Gleichnisse, das uns zeigt, wie Menschen aus ihrem Leiden erlöst werden können, wobei es Jesus dabei natürlich nicht um Schokolade ging.
Man könnte den Film auch als eine Parabel über die Kraft der Liebe beschreiben, Liebe, ganz im Sinne Jesu.

Lukas 18,9-14 - Das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner

Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner
Jesus sprach auch zu denen, die von sich überzeugt waren, gerecht zu sein, und die Übrigen gering achteten; und er erzählte ihnen ein Gleichnis:
"Es gingen einmal zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, die rauben, Unrecht tun und die Ehe brechen, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal bis zum Sabbat, und ich gebe den zehnten Teil von meinem ganzen Einkommen.'
Der Zöllner blieb von weitem stehen und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig!'

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus, jener nicht. Denn alle, die sich selbst erhöhen, werden erniedrigt werden. Wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

Predigt - ein Versuch, das Film-Thema und das Gleichnis zusammen zu bringen.

Liebe Gemeinde!

Ein guter Film, was macht den aus?
Vermutlich gibt da jeder eine andere Antwort, je nach Geschmackrichtung. Aber meistens sind Filme ganz allgemein dann besonders beeindruckend, wenn sie mich treffen - oder betreffen. Wenn die Geschichte mich anspricht, wenn die Charaktere realistisch sind, wenn ich wiederfinden kann, was im Film dargestellt wird.

Chocolat ist so ein Film.
Und ich glaube, das liegt daran, weil so viel in dem Film - abgesehen von den guten Schauspielerinnen und Schauspielern - so nah am Leben ist. Und weil in dem Film Wünsche und Sehnsüchte wahr werden.

Nicht jeder Mensch hat solche Probleme wie die Menschen im Film Chocolat - aber Ähnlichkeiten sind zu finden.
Und vor allem ist dieses Gefangensein etwas, das vielen Menschen so geht.
Ich kenne ja meine Probleme. Ich weiss oft auch, was ich tun müsste, um sie zu lösen. Aber ich mache es nicht.
Jeden Tag aufs Neue finde ich mich in meinen alten Strukturen wieder und komme da einfach nicht raus. Weil es eben unendlich schwer ist, sein Leben umzukrempeln.
Denn dann muss ich auch mich selbst verändern. Und ich bin langsam, im Laufe der Jahre zu dem Menschen geworden, der ich heute bin. Und so geht auch Veränderung nicht schnell, sondern braucht Zeit und vor allem eines:
Menschen, die mir zuhören, die meine Probleme ernst nehmen. Und die vielleicht auch noch zur Seite stehen, wenn ich die ersten Schritte wage.

Und im Film Chocolat erleben wir hautnah mit, wie Menschen es schaffen. Wie sie aufbrechen, wie sie aus ihren alten Strukturen ausbrechen können.
Und das, weil sie jemanden gefunden haben, die ein offenes Haus hat, offene Ohren, ein offenes Herz. Die sich anhört, was die Menschen bedrückt. Vielleicht gar nicht mal viel sagt, aber eine Zuneigung ausstrahlt, die zu Herzen geht. Lustig und tragisch zugleich sind die Geschichten, die hier erzählt werden. Dass hier die weltliche und sinnliche Form der Befreiung Schokolade ist, macht den Film natürlich für alle Schokoladenfans wie mich noch wunderbarer, leider auch apettitanregender...

Und dann gibt es noch die anderen Menschen. Die, die meinen, sie hätten es alles ganz richtig gemacht, sie hätten den Stein der Weisen. Und die den Blick verschliessen vor dem, was aus ihnen geworden ist.
Der Comte und Bürgermeister des kleinen Ortes ist so ein Mensch. Ein Mensch, der glaubt, nur über die genaue Befolgung der kirchlichen Gebote und Verbote könne man den Weg finden. Und er wacht mir Argusaugen darüber, dass auch ja niemand ausbricht, ja anzweifelt, was jahrhundertealte Tradition ist.
Er ist sich sicher, dass er Recht hat - Recht haben muss. Und wird durch die schöne Neuzuzügerin auch an seine Grenzen gebracht, ja sein Lebensentwurf gerät ins Wanken - und er wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen.
Wie das Ganze endet, möchte ich nicht vorweg nehmen. Das sollen sie sich besser selbst anschauen!

Aber es ist eindrücklich und auch wieder so ganz nah am Leben, dass Menschen sich in ihren zerbrechlichen Lebensentwürden wohl fühlen und auch bloss nicht daraus wollen.
Dass sie so fest von ihrer Richtigkeit überzeugt sind, dass sie keinen Blick mehr haben für anderes - wo sie vielleicht erkennen müssten, dass sie doch nicht so richtig lagen, wie sie dachten.

Diese Realtität, die der Film Chocolat wie jeder gute Film auch ein wenig überzeichnet, zeichnet also einen guten Film aus.

Und diese Realität zeichnet noch etwas anderes aus:
Nämlich den echten, den hilfreichen Glauben!
Nicht umsonst ist dieser Film mit den Gleichnissen Jesu verglichen worden.
Denn auch Jesus zeigt uns in seinen Geschichten und Erzählungen die Realität auf neue und überraschende Weise - oft auch überzeichnet, aber darin noch mal umso klarer.
Und so wie Vianne im Film den Menschen begegnet, ist das für mich eine Form, wie man dem nacheifern kann, was Jesus uns vorgelebt hat.

Warum haben Menschen im Kontakt mit ihm neu anfangen können, wurden sie geheilt, gaben sie alles auf, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hat?
Weil sie im Kontakt mit Jesus erfahren durften, wie es ist, wenn sie jemand wirklich versteht.
Jemand, der mir zuhört, der nicht immer viel Worte macht. Jemand, der spürt, was mich wirklich bedrückt. Und darin auch in Frage stellt.
Und dazu hatte Jesus natürlich noch auf einmalige Weise die Vollmacht Gottes hinter sich. Insofern kann sich kein Mensch wirklich mit ihm vergleichen.
Wir Menschen sind erlösungsbedürftig, so nennt man das theologisch.
Erlösung, das ist das zentrale Thema von Jesus -
Erlösung, das ist auch das, was die Menschen im Film erleben.
Für Jesus bedeutete das letztlich den Weg bis in den Tod, die letzte Erlösung für uns Menschen. Erlösung, die uns nur Gott selbst schenken kann.

So erleben wir im Film, dass letztlich auch Vianne gefangen ist in ihren eigenen Ängsten und Problemen.
Und so viel sie auch anderen helfen kann, sich selbst zu helfen, sich selbst helfen zu lassen, das ist etwas ganz anderes und unendlich viel schwerer.

Wir Menschen kommen immer an unsere Grenzen. So sehr wir auch in die Spuren Jesu treten möchten, wir werden an den Punkt kommen, wo es auch für uns nicht mehr weitergeht, und wo wir versuchen müssen, uns Gott in die Arme zu werfen, Gott, der allein den Weg für uns weiss. Gott, der uns die Erlösung schlechthin in Jesus geschenkt hat.


Dieser Film ist nicht grundlos mit den Gleichnissen Jesu verglichen worden. Es gibt ein Gleichnis, das zumindest eine Figur wunderbar nachzeichnet - und auch zeigt, was es braucht, um Erlösung zu erlangen.
Es ist das Gleichnis, das wir eben schon gehört haben, das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner.
Da stehen zwei Menschen stellvertretend für viele im Tempel und beten zu Gott.
Und die Art und Weise wie sie vor Gott treten zeigt, was sie und ihr Leben ausmacht und ob sie Erlösung, Befreiung erleben können.

Der Pharisäer ist für mich ein perfektes Abbild des Comte im Film, bzw. umgekehrt. Der Comte gleicht dem Pharisäer aufs Haar.
Der Pharisäer steht voller Arroganz im Tempel und dankt Gott, dass er nicht so ist, wie all die anderen fehlbaren und sündigen Menschen.
Er steht für all die Menschen, die nach aussen hin stark erscheinen und sich gerecht dünken, aber wenn man tiefer schaut, dann handelt es sich um eine sehr zerbrechliche Arroganz, die nur dank der Kritik an anderen Menschen zu überleben vermag!
Und so betet er stehend und für sich allein - auch das ist ein Bild dafür, dass er selbst im Gebet allein ist, dass er den Weg zu Gott nicht mehr findet.
Und das, obwohl er das Gesetz so sehr einhält, ja in Teilen sogar übermässig einhält.
Aber er vergisst dabei das Wesentliche, das die Basis für jedes Gesetz sein muss: die Gottesliebe! Ohne die Liebe wird aus dem Gesetz Werkgerechtigkeit, die nur noch zählt, was man getan hat, aber nicht mehr auf die Menschen schaut.
Und wenn das passiert, dann kommt das Zweite:
Dann kommt die Verachtung für den Rest der Menschheit.
Der Pharisäer ertränkt seine Frömmigkeit, die Gehorsam sein könnte, in einer Flut geistlichen Stolzes und der Heuchelei. Und so wird auch der Comte im Film dargestellt. Sehr eindrücklich!
Ein Mensch, der doch eigentlich Gottes Willen tun will - und dabei alles ins Gegenteil verkehrt.

Und dann ist da der andere, der Zöllner.
Der Zöllner der steht für die Menschen, denen man eigentlich misstraut, der als gewinnsüchtig und stur gilt, der sich anderen Mächten andingt, nur um des Geldes willen.
Vielleicht kann man die Figuren im Film nicht ganz wiedererkennen, aber bei manchen gibt es gewisse Ähnlichkeiten - in ihrer Sturheit, oder dass andere sie verachten und sich selbst für besser dünken. Aber er kann auch für alle Menschen stehen, die gefangen sind in ihrem Lebensentwurf und nicht mehr herausfinden.

Den Moment, den Jesus in seinem Gleichnis nachzeichnet, ist der, der bei diesem Zöllner die Wende bringt.
So wie er in den Tempel geht und betet, zeigt er, dass er realisiert hat, dass etwas nicht stimmt. Dass er sein Leben auf einmal glasklar vor sich sieht und sich nur noch schaudernd abwenden kann.

Und so hält er auch beim Beten Distanz, wagt kaum den direkten Kontakt zu Gott - in der Hoffnung, dass dieser ihn trotzdem hört. Blickt zu Boden, schlägt sich zum Zeichen der Reue an die Brust und sagt nur noch:
Gott, sei mir Sünder gnädig.

Mehr kann er nicht, als auf die Gnade Gottes zu vertrauen. Zu hoffen, dass daraus seine Erlösung kommen kann.
Sei mir gnädig! Verurteile mich nicht! Schau mich mit Liebe an! Verzeihe mir! Schau mir ins Herz und sieh, dass es mir leid tut!
Und indem er das sagt, tut er das Entscheidende:
Denn wir müssen Gott nichts vorspielen. Wahre Selbsterkenntnis in Anbetracht Gottes, das ist es -
ich darf mich schämen und mich dem Blick Gottes aussetzen.
Und zu diesem Menschen sagt Jesus:
Dieser ging gerechtfertigt nach Hause

So gibt mir Gott Anerkennung und die Fähigkeit, wieder auf eigenen Füssen zu stehen.
Es hat sich alles geändert, weil Gott diesen Menschen wohlwollend und akzeptierend anschaut.


So steht also im Zentrum des Films und auch im Zentrum von Jesu Gleichnissen die Erlösung des Menschen aus den Unheilsgeschichten seiner Biographie und seine Befreiung von einem Gesetz, das einschüchtert und erdrückt, nicht aber stützt und schützt, so wie Gott es gewollt hat.

Und zugleich zeigt der Film die gemeinschaftsstiftende Kraft des Kochens und ist eine Liebeserklärung an die göttliche Speise der Schokolade.
So wie auch Jesus gerne mit anderen Menschen zusammen gegessen und getrunken hat, feierte und fröhlich war.

Ich wünsche uns, dass auch uns das gelingen kann.
Dass wir selber mit einem augenzwinkernden Blick auf unser Leben, vielleicht mit einem Stück Schokolade, erkennen, was wir ändern können.
Dass wir spüren, dass Gottes wohlwollender Blick auf uns ruht.
Dass wir lernen, einander in Liebe zu begegnen, einander zuzuhören und einander beizustehen in dem, was wir neu anfangen wollen.

Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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