Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Liedpredigt
18.02.2007
Kirche Bözberg
Pfrn Christine Straberg
Pfr Thorsten Bunz


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Liedpredigt
im Rahmen des Vaya-con-Dios-Films

Wer nur den lieben Gott lässt walten

Lied 681, 1-3: Wer nur den lieben Gott lässt walten

Liedpredigt Teil 1 - Christine Straberg

Liebe Gemeinde!

Einen etwas anderen Gottesdienst haben sie bisher erlebt - und dennoch ein Gottesdienst, dessen Elemente auf eine lange Tradition zurückblicken können.
Seit Jahrhunderten werden Psalmen gesungen - wird das Loblied der Maria, das sogenannte Magnificat gebetet, wird der christliche Glaube bekannt.
Wir begeben uns in eine - so wird es gerne genannt - in eine Wolke von Zeuginnen und Zeugen, die wie wir ihren Glauben an Gott gelebt und weitergegeben haben.

Da fällt das Lied, das wir eben gesungen haben, fast aus dem Rahmen, denn es stammt "erst" aus dem 17. Jahrhundert, gedichtet und komponiert von Georg Neumark in der Zeit des 30 jährigen Krieges.

Wir haben ja heute oft das Gefühl, dass wir in einer schlimmen und bösen Zeit leben - überall Krieg und Terror, christliche Werte gelten immer weniger.
Aber die Zeit des 30 jährigen Krieges muss so gewesen sein, wie es im Moment im Irak ausschaut.
Überall Kriegshorden, die plündernd und ohne Rücksicht auf Menschen Dörfer überfielen. Kein Recht, keine Ordnung, nur noch das Recht des Stärkeren. Unvorstellbare Grausamkeiten waren an der Tagesordnung.

Es gehört daher für mich zum Eindrücklichsten unseres Glaubens und unseres Gesangbuches, dass ausgerechnet in dieser Zeit die tiefsten und die zuversichtlichsten Trostlieder entstanden sind.
Paul Gerhard ist der bekannteste Liederdichter, der im 30 jährigen Krieg lebte.
Aber auch Georg Neumark musste dessen Schrecken erleben. Gerade mal mit 19 Jahren wurde er auf dem Weg zu seinem Studienort all seiner Habseligkeiten beraubt. Verarmt schlug er sich nach Kiel durch, wo er als Hauslehrer unterkam. So konnte er sich über Wasser halten bis er durch alte Beziehungen am Hof von Weimar Fuss fassen konnte.
Aber schon vorher schrieb er dieses Lied, als Dank an Gott, der ihn in dieser aussichtslosen Situation nicht allein gelassen hat.

Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

Es ist das Durchstehen des Schweren, das mir zeigt, dass Gott mich bewahrt.
Für mich ist das eine ganz wichtige Lebenserfahrung.
Dass ich mich nicht um das Schwere, das Traurige drücke, es nicht verdränge. Aber dass ich auch nicht daran verzweifel, sondern tapfer weitergehe. Schritt für Schritt. Manchmal auch wieder einen Schritt zurück.
Und dabei immer versuche, einen anderen Blick auf mein Leben zu werfen, einer, der nicht verzweifelt, sondern hoffnungsfroh und voller Liebe ist, der Blick Gottes, der mich liebevoll anschaut.
Und vielleicht darf ich dann eines Tages erleben, dass ich in all dem Schweren bewahrt worden bin.
Und vielleicht hilft das Singen eines solchen Liedes in solchen Momenten.
Was bestimmt nicht hilft, ist, wenn mir dann ein anderer Mensch sagt: Ach, das hat schon seinen Sinn, das ist alles von Gott gefügt.
Ob das wirklich so ist, diese Erfahrung muss ich alleine machen.
So wie sie Georg Neumark damals gemacht hat und ganz persönlich aufgeschrieben hat.
Es ist etwas ganz persönliches und etwas, das mir keiner abnehmen kann, aber auch etwas, das mir keiner deuten kann.
Helfende Hände und offene Ohren sind in Zeiten der Not und Traurigkeit wichtiger als salbungsvolle Worte.
Ja, und Stille - die mich wieder auf meine Wurzeln zurückführt.

Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

In sich gehen - Stille halten - beten. Das sind die Wurzeln, die uns in uns selbst vergnügt sein lassen.
Das tönt vielleicht verrückt, aber es ist doch so:
Nur wer weiss, worauf sein Leben gründet, nur wer weiss, wo sein Halt und seine Zuflucht sind, der kann eine ganz tiefe Fröhlichkeit ausstrahlen.
Nicht umsonst sind Ordensleute oft solche in sich selbst vergnügten Menschen, die eine Fröhlichkeit und Güte ausstrahlen, die von innen heraus kommt.
Das mag daran liegen, dass ihr ganzer Tag von Zeiten der Stille und des Gebets unterbrochen wird. Aus denen heraus sie dann wieder an die Arbeit gehen.
Burn Out, Stress, Überlastung - alles Folgen der Ausbeutung unseres Körpers, dem ständige Leistung ohne Pause, ohne Ruhe, ohne Stille abverlangt wird.

Vielleicht tut es uns auch gut, wenn wir mal innehalten, stille werden, beten, unsere Sorgen bei Gott abladen, und vielleicht auch ein Lied singen. Denn Singen ist Balsam für die Seele. Und wer singt, der betet zweimal, wie es Augustin gesagt hat.

Und so will ich auch gar nicht länger reden, sondern wieder der Musik das Wort geben. Wir singen zusammen die vierte bis letzte Strophe des Liedes "Wer nur den lieben Gott lässt walten".

Lied 681, 4-7
Liedpredigt Teil 2 - Thorsten Bunz

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber gross und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.

Sehr einladend diese 6. Strophe: Lege ich meine Hände in den Schoss, ruhe ich tagtäglich von aller Arbeit Mühen, bleibe ich arm und klein
so wird mich Gott wohl gross und reich machen so wie er den Reichen klein und arm machen wird.

Aber diese Worte wollen nicht missverstanden werden.
Diese Worte wollen erinnern an das Magnificat der Maria, das wir eingangs zusammen gesprochen haben.
Darin wird der Gott besungen, der die Hochmütigen zerstreut und der die Mächtigen vom Thron stürzt.
Darin wird der Gott besungen, der die Niedrigen erhöht und Hungrige mit Gutem sättigt - und Reiche dabei leer ausgehen lässt.
Es ist kein Lied, dass zur Untätigkeit anleiten will.
Es ist ein Lied, dass den weltweiten Schrei der von Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen klagend vor Gott bringt.
Das Magnificat ist fester Bestandteil der Tagzeitengebeten - nicht nur bei katholischen Ordenschristen. Nicht von ungefähr ist es in unserem Reformierten Gesangbuch zu finden.
Und weil es seit mehr als 1500 Jahren zur Vesper, zum Abendgebet im Tageskreis gehört, haben wir es heute mit in diesem Gottesdienst aufgenommen.
Dieses Magnifikat wirkt auf den Lobgesang der christlichen Gemeinde, die damit jeden Tag aufs Neue das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt.
Das Anbrechen der Herrschaft Gottes unterscheidet sich dabei von allen revolutionären Umbrüchen, die uns vielleicht sofort in den Sinn kommen, wenn wir an den Sturz der Mächtigen und an die Machtübernahme der Armen denken.
Aber es geht eben nicht einfach um Machtübernahme der Armen:

Es ist ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen.
Hier werden nicht nur Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Sondern dadurch, dass Gott die Erniedrigten erhöht, beteiligt er sie an seiner Herrschaft.
Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft.
Und diese Herrschaft geschieht eben nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten.
So leitet dies Lied geradezu an zur Weltverantwortung. Zu einer Wahrnehmung von Weltverantwortung, wie sie für christliche Ordensgemeinschaften ein zentrales Element ihres Selbstverständnisses ist.
Sie wollen sich nicht abschotten von dieser Welt, sondern sie wollen die Entwicklungen in dieser Welt betend begleiten und handelnd beeinflussen.


Bei den Brüdern des Cantorianer-Ordens, der für den Film "Vaya con Dios" erdacht wurde, scheint das ein wenig anders zu sein. Sie leben abgeschottet in ihren Klostermauern. Sie verlassen diesen geschützten Bereich nie.
Für sie ist Gott im Singen gegenwärtig. Im Singen spüren sie den Heiligen Geist mitten unter sich.
Es ist ein Singorden.

Der Film erzählt davon, dass die drei verbliebenen Mönche das Kloster verlassen müssen, um zu ihrem Stammsitz nach Italien zu gelangen.
Unterwegs geraten sie - neben vielen anderen Ereignissen- zwischen Bahngleisen und so zwischen zwei sich begegnende Züge - zwischen!
Sie umklammern sich und singen aus vollem Herzen - und werden wie durch ein Wunder - oder vom Heiligen Geist beschützt - gerettet.

Aber das nur eine Szene aus diesem wundervollen Film.

Eine andere Schlüsselszene ist ganz eng mit dem Lied "Wer nur den lieben Gott lässt walten" verbunden.

Ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen - schliesslich gehe ich ja davon aus, dass Sie alle auch noch beim Film heute Abend dabei sein werden - möchte ich doch soviel schon jetzt erzählen:

Die drei Brüder drohen alle von ihrem ursprünglichen Weg abzukommen - aus verschiedenen Gründen.
Und dann singen sie in einer Messe eben dieses Lied. Und während zunächst noch die ganze Gemeinde gemeinsam singt, verstummt der Gemeindegesang immer mehr und schliesslich singen nur noch die drei Brüder in ihrer so eindrücklichen Art und Weise die 7. Strophe dieses Liedes:

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Indem sie diese Worte singen, finden die Brüder ihre Bestimmung. Sie geben sich ihrer Stimme hin, sie folgen ihrer Stimme - gemäss ihrer Devise "Sequere vocem - folge der Stimme!"
Und dann folgen sie - jeder auf andere Weise - ihrer inneren Stimme, der Stimme des eigenen Herzens, der Stimme des Gesangs, der Stimme Gottes.
Damit möchte ich schliessen und Ihnen dies auch nahe legen:
Folgen Sie der Stimme Ihrer singenden Herzen!
Und folgen Sie damit der Stimme Gottes.
Suchen Sie im Gehorsam gegen Gottes Gebote nach seinen Wegen, auf denen Sie gehen können.
Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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