Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

Sie sind hier: Startseite --> Gottesdienst --> Predigtarchiv --> Johannes 5, 1-16 - 14.10.2007

Johannes 5, 1-16
14.10.2007
Kirche Bözberg
Pfr. Thorsten Bunz


 diese Seite drucken

Johannes 5, 1-16

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
4
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

10 Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.
11 Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!
12 Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin?
13 Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war.
14 Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
15 Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.
16 Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.

Liebe Gemeinde,

Eine Wundergeschichte. Eine wundersame Heilungsgeschichte. Eine Geschichte, bei der wir uns wundern.
Ich wundere mich über die Heilung weniger, weil ich derartiges von Jesus und aus der Bibel ja längst gewöhnt bin.
Ich wundere mich eher über das, was drumherum gesagt wird:

Viele Menschen liegen dort an diesem Teich, aber immer wird nur 1 auf's Mal geheilt, und noch dazu immer der erste, der schnellste, der kräftigste. Der vermutlich, der es doch eigentlich am wenigsten nötig hätte.
Viele Menschen liegen dort an diesem Teich, aber nur von 1 wird hier berichtet, dieser wird von Jesus geheilt, obwohl er doch, ganz anders als es andere derartige Geschichten in der Bibel berichten, weder auf Jesus gewartet hat, noch hat er ihn angesprochen, noch hat er ihn überhaupt gekannt. Das kennen wir doch sonst ganz anders, da laufen die Kranken auf Jesus zu, da klettern die Sünder auf Bäume und da werden Lahme von Freunden durch das Dach eines Hauses zu Jesus herabgelassen.
Dieser liegt da einfach und wartet darauf, dass er irgendwann einmal doch als erster in das Wasser kommt, wenn dieses sich aus bis heute ungeklärten Gründen bewegt und so Heilung vermittelt. Und doch wendet sich Jesus gerade diesem zu.

Dieser Mann macht traurig - mich zumindest und auch beim Bibelgespräch haben wir uns traurig nach dem Schicksal dieses Mannes gefragt. 38 Jahre seines Lebens ist dieser Mann krank gewesen. 38 Jahre sind eine lange Zeit. Erst recht, wenn man krank ist und erst recht, wenn man zur Zeit Jesus gelebt hat. Wenn wir davon ausgehen, dass dieser Mann vielleicht noch nicht einmal von Geburt an krank ist, sondern erst im Laufe seines Lebens erkrankte, dann ist er ja noch älter - vielleicht ist er schon Mitte 40 - oder 50 - oder ... Sicher war er schon bei einigen Ärzten, Heilern und Magiern seiner Zeit. Sicher hat er auch schon verschiedenste Heilmittel probiert, Kräuter und Tinkturen. Aber genützt hat das alles nichts.
Jetzt liegt er mit vielen anderen in dieser Säulenhalle, an diesen Teichen, die sie "Bethesda" nennen - Haus der Barmherzigkeit heisst das übersetzt. Hier gibt es Hoffnung. Aber hier gibt es Hoffnung eben nur, wenn man im entscheidenden Moment der erste, der schnellste, der kräftigste ist ... Hier gibt es für diesen Mann offenbar keine Hoffnung.

Was ich sehr viel bedrückender empfinde, als die Krankheit, die diesen Mann plagt, ist das Gefühl, das mich überkommt, wenn ich mir die Situation vorstelle, die der Mann dann schildert, als Jesus ihn fragt, ob er gesund werden mag. "Ich habe niemanden!"
"Ich habe niemanden, der mir im entscheidenden Moment hilft, in das heilende Wasser zu kommen." - Ist das nicht furchtbar?
Es ist nicht die Krankheit, die mich hier traurig macht. Sicher, die auch, die ist sicher schlimm genug. Aber es stimmt mich sehr viel trauriger, dass dieser Mann ganz offensichtlich niemanden hat, der an seinem Krankenbett wacht, der ihm die Hand hält, der ihm Gesellschaft leistet, ihm vielleicht erzählt vom Alltag ausserhalb dieses Ortes, an dem es von Kranken nur so wimmelt. Und der ihn im entscheidenden Moment auf seinen Schultern gestützt in das Wasser begleiten könnte. Das ist es, was mich an dieser Stelle bedrückt.
Ich wünsche das niemandem. Und dann habe ich Verständnis dafür, dass sich Jesus gerade diesem zuwendet. Diesem einsamen, der noch nie von Jesus gehört hat.


Das war ein Punkt, der uns beim Bibelgespräch beschäftigt hat.
Ein anderer Punkt, den wir miteinander diskutiert und beraten haben betrifft die Aussage, die Jesus trifft, als sich die beiden dann nach der Heilung ein zweites Mal begegnen:
Jesus sagt zu diesem Mann: "Siehe, du bist gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre."
Zwei Punkte: erstens scheint dann also seine Krankheit bereits die Strafe für eine zurück liegende Sünde gewesen zu sein. Und zweitens kann es offenbar noch etwas sehr viel schlimmeres geben, als 38 Jahre krank zu sein.

Ist Krankheit dann also eine Strafe für Sünde?
Viele Menschen empfinden ihre Krankheit so. Aber meistens wissen gerade diese Menschen nicht einmal wirklich, was sie denn getan haben, dass sie eine solche Strafe verdient haben.
Und dann das: Es gibt Menschen, die erkranken lebensbedrohlich, sterben an ihrer Krankheit sogar, Menschen, von denen doch alle zuvor gesagt und gespürt haben: ja, die setzen sich ein für andere, für das Wohl der Armen und Schwachen - ja, diese setzen sich ein für ihren Glauben ... und doch werden auch diese Menschen krank.

Ist Krankheit also eine Strafe für Sünde?

Ich meine: Ja und Nein.
Ja, denn sicher kann Gott uns mit einer Krankheit bestrafen.
Und Nein, denn sicher gibt es Krankheit, ohne dass es eine Strafe Gottes ist.

Es gibt nur wenige Kapitel weiter im Johannes-Evangelium die Erzählung von einem kleinen Jungen, der von Geburt an blind ist und also nicht sehen kann. Die Menschen fragen Jesus, was denn dieser Junge gesündigt habe. Und hier sagt Jesus ganz eindeutig, dass dieser Junge nicht gesündigt hat. Und auch seine Eltern nicht. Und auch nicht seine Grosseltern.
Es gibt also Krankheit und Leiden auch ohne Sünde.

Die Antwort, die Jesus auf die Frage nach dem Grund für die Blindheit des Jungen gibt, ist nicht unbedingt beruhigender: Er sagt, an diesem Jungen solle Gottes Macht bewiesen werden. Denn Jesus heilt diesen Jungen ja dann.

Wenn wir eine solche Erklärung auf diese Erzählung mit dem seit 38 Jahren erkrankten Mann anlegen, dann soll es hier wohl auch so sein: Dieser Mann ist ein Teil des Planes, den Gott mit Jesus und den Gott mit uns Menschen hat. Dieser Mann soll nach so langer Zeit geheilt werden. Dieser Mann soll geheilt werden, obwohl es doch bisher in seinem Leben immer danach aussah, als könne ihm nichts mehr helfen, als sei seine Situation ausweglos.
Jesus kann aus der ausweglosesten Situation heraus helfen! Das kann diese Erzählung uns mitteilen. Und wenn diese Begebenheit zu Gottes Plan mit Jesus gehört, dann gehört es wohl auch dazu, dass dieser Mann dann zu den Beamten der Juden geht und ihnen sagt, wo sie Jesus finden werden.
Auch das gehört zum Plan Gottes: Jesus wird verfolgt und schliesslich auch ans Kreuz genagelt, am Kreuz sterben und auferstehen zu neuem ewigen Leben.


Soviel zur Krankheit als Sünde.

Ich fragte auch, ob es etwas schlimmeres geben könne, als 38 Jahre lang krank zu sein. Etwas schlimmeres, als in derartiger Einsamkeit leben zu müssen, dass einem niemand helfen kann.

Ich meine: Ja, es kann etwas schlimmeres geben.
Diesem Mann ist Jesus begegnet. Und diesen Mann hat Jesus geheilt. Das schlimmste, was diesem Mann jetzt noch geschehen kann, ist, dass er sich von Jesus und von Gott wieder trennt! Das wäre dann tatsächliche Einsamkeit.
Und in diese Richtung deute ich die Frage, die Jesus diesem Mann stellt: "Willst Du gesund werden?"
Im Bibelgespräch kam als erste Reaktion: "Ja, wer will das nicht?" Aber dann besinnten wir uns darauf, dass es doch Menschen gibt, die sich in ihrer Krankheit eingerichtet haben. Menschen, die ihr Umfeld beschäftigen mit ihrer Krankheit, die sich umsorgen lassen und die dann auch die Nähe der mitfühlenden Angehörigen geniessen.
Es sind ja nicht alle Kranken einsam wie dieser. Und einsam ist dieser Kranke ja auch nicht: in der Säulenhalle am Teich Bethesda liegen ja auch viele andere Kranke. Mit denen kann er sich sicher auch austauschen und unterhalten - diese können ihm halt nur nicht helfen, wenn es darum geht, als erster im Teich zu sein. Aber nach 38 Jahren, so denke ich, hat sich dieser Mann in gewisser Weise auch arrangiert mit seiner Situation... hat sich eingerichtet... weiss, wie er an Essen kommt und was er sonst so braucht.

Dies müssen wir uns nicht mal nur auf eine Krankheit beschränkt vorstellen. Es gibt Menschen, die haben keine Arbeit. Es gibt Menschen, die suchen auch keine Arbeit mehr, weil es ihnen doch eigentlich ganz gut geht mit dem Geld aus der Sozialkasse oder die mit ihren IV-Bezügen doch auch gut zurecht kommen.

Ich sage extra: "es gibt Menschen" ... es soll mir niemand nachsagen, ich würde das bei allen so sehen.

Aber darum ist eben diese Frage gar nicht so weit her geholt: "Möchtest du gesund werden?" Für diesen Mann bedeutet das "JA" zu Jesus eine grundlegende Veränderung in seinem Leben! Ab Morgen wird er nicht mehr am Teich liegen können. Aber was macht er dann ab Morgen? - Ab Morgen wird er nicht mehr durch seine Krankheit Mitleid erregen und Almosen erhalten. Aber was isst er dann ab Morgen?
Wer Arbeit hat, muss auch arbeiten. Es fliesst dann das Geld eben nicht mehr aus der Sozialkasse.

Das ist ein anderer Punkt, den uns dieses Geschehen am Teich Bethesda deutlich machen will: Wenn wir uns für Jesus entscheiden, dann ist es mit dem einmaligen "JA" nicht getan.

Und an diesem Punkt passt diese Geschichte wunderbar zur Taufe:
Das Ja in der Taufe ist nur der erste Schritt. Wichtig ist, was ich danach aus meinem Leben als Christ oder als Christin mache! Im Sinne Jesu leben. Im Sinne Gottes leben.

Was das heisst, davon berichtet die Bibel auch, aber das führe ich jetzt nicht mehr aus. Nur eins: es bedeutet auch, sich eben nicht mehr von Gott zu trennen.

Gott will mit uns zu tun haben, und das ist eigentlich das beste, was uns passieren kann.

Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



nach oben -- Sie sind hier: Startseite --> Gottesdienst --> Predigtarchiv --> Johannes 5, 1-16 - 14.10.2007

Ref. Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal - Kirchbözberg 6 - 5225 Bözberg - Tel. 056 441 16 52