Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Johannes 14,19
1. Januar 2008
Kirche Bözberg
Pfr. Thorsten Bunz


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Johannes 14,19

Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!

Liebe Gemeinde!

Die Losung, die für uns über dem Jahr 2008 steht, könnte ferner wohl kaum sein.
Fern darin, dass sie von einer Zeit spricht, die wir alle doch möglichst in diesem gerade erst begonnenen neuen Jahr noch gar nicht erleben wollen:
Die Ewigkeit.
Die Zeit, in der Jesus auch heute noch lebt.

Diese Losung aber lässt sofort an den Abschied von dieser Welt denken, wenn Jesus selbst hier zu seinen Jüngern eben von der Zeit spricht, in der er nicht mehr bei ihnen sein wird.

Niemand wünscht für sich selbst den Tod herbei.
Jedenfalls denke ich, dass Sie alle, die Sie in diesen Gottesdienst gekommen sind, den Tod nicht so bald herbei sehnen.
Es gibt Menschen, die fühlen sich dem Tod näher als dem Leben. Es gibt Menschen, die schwer krank auf die Erlösung durch den Tod warten.
Diese Menschen gibt es nicht nur in den Registern der Sterbehilfsorganisationen Exit und Dignitas.
Es gibt auch in unserer Gemeinde Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit lieber sterben möchten und die darauf vertrauen, nach dem Tod ein Leben in Ewigkeit "erleben" zu können.

Aber eben: das trifft nicht auf Sie zu, die Sie heute hierher gekommen sind - ich wüsste es jedenfalls von Ihnen allen nicht.

Und nicht nur, dass vermutlich eben niemand gerade auf den Tod wartet, sondern sowieso wollen wir doch zu Beginn eines neuen Jahres nicht bereits an ein Ende denken.
Wenn etwas gerade erst begonnen hat, dann soll doch kein Gedanke darauf verschwendet werden, dass es auch einmal wieder vorbei sein wird.

Wenn etwas neu beginnt, dann wollen wir es doch erst mal auskosten und ausreizen, alle Möglichkeiten ausschöpfen und nutzen:
Das neue Jahr 2008 ist jetzt noch keine 12 Stunden alt,
da liegt es doch völlig fern, bereits von einer Zeit zu reden, in der es nicht mehr aktuell wäre.

Mache ich auch nicht.

Und darum nenne ich Ihnen die Jahreslosung noch einmal:

Christus spricht:
Ich lebe und ihr sollt auch leben.


Als Jesus diesen Satz zu seinen Jüngern sagt, ist er noch nicht gestorben. Er spricht von einer Zeit, die noch bevorsteht.

Die Ausleger dieses Verses der Bibel sind sich nicht ganz einig darin, ob Jesus diesen Satz über eine Zeit sagt, zu der er noch auf Erden ist - weil er ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht am Kreuz gestorben ist -
oder ob Jesus diesen Satz über eine Zeit sagt, zu der er bereits verstorben ist und zu der auch seine Zuhörer bereits das irdische Leben hinter sich haben - weil er ja davon spricht, er werde im Hause seines Vaters die Wohnungen für uns vorbereiten. - Das haben Sie in der Lesung gehört, in der ich Ihnen den Zusammenhang vorgelesen habe, aus dem die Jahreslosung - dieser eine Vers - herausgenommen ist.
Die Wissenschaftler mögen darüber streiten, ob nun diese oder jene Zeit gilt. Ich möchte dazu heute keine Stellung beziehen.

Ich möchte den Satz viel mehr ganz anders hören und auslegen, gerade weil heute der erste Tag des neuen Jahres noch ganz jung und frisch vor uns liegt - na ja, frisch vielleicht nicht für alle.


Viel wichtiger nämlich, als die Frage, zu welchem Zeitpunkt denn nun dieses Leben für uns seine Gültigkeit hat,
viel wichtiger finde ich die Frage:
was für ein Leben denn?

Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Christus möchte, dass wir leben! Weil er lebt!


Als Christinnen und Christen glauben wir daran, dass Jesus nicht nur am Kreuz gestorben ist, sondern dass er auch auferstanden ist. Wir glauben daran, dass Jesus aufgefahren ist in den Himmel und zur Rechten Gottes sitzt.
Wir glauben daran, dass Jesus lebt!

So jedenfalls bekennen es einschlägige Glaubensbekenntnisse.


Und nun will Jesus nicht mehr und nicht weniger, als dass auch wir leben!
Und wieder: was für ein Leben denn?


Wenn wir danach fragen, was für ein Leben wir denn leben sollen, dann geht es um den Sinn des Lebens, um eine Qualität, einen Nutzen, vielleicht auch um Ergebnisse.


In der Kirche, in einem Gottesdienst, frage ich natürlich nicht nach Ergebnissen. Ergebnisorientierte Analysen schmecken immer nach gewinn-orientiert und -optimiert.
Das liegt mir fern.

In der Kirche in einer Predigt liegt es viel näher, nach der Qualität des Lebens zu fragen.


Die Qualität des Lebens.
Woran lässt sich die eigentlich messen?

An der Anzahl Jahre, die ich bereits lebe, jedenfalls nicht.
Und sicher auch nicht daran, ob ich mir mit einem guten Zahltag teure Reisen leisten kann oder nicht.

Und umgekehrt kann ich sicher auch nicht sagen, ein Leben, das knapp unterhalb der amtlich festgestellten Armutsgrenze mit nur wenig auskommen muss, habe keine Qualität.

Ob ein Leben Qualität hat, das bemisst sich an ganz anderen Punkten. Lebensqualität hat mit Zufriedenheit zu tun.
Natürlich kann ich zufrieden sein, wenn ich mit guter Arbeit gutes Geld verdiene. Natürlich kann ich zufrieden sein, wenn ich mir einen gewissen Luxus leisten kann.
Aber ob ich damit wirklich zufrieden bin, das hängt eben nicht von der Höhe meines Einkommens ab.


Es gibt ganz andere Punkte, an denen Unzufriedenheit die Lebensqualität beeinträchtigt:

- Bin ich mit meinem Arbeitsplatz überhaupt zufrieden?
Oder bleibe ich hier nur, weil es so bequem ist und ich ein Auskommen habe.

- Kann ich den Lebensstil akzeptieren, den meine Kinder für sich gewählt haben?
Obwohl sie alles so ganz anders machen, als ich es jemals getan hätte.

Das ist ein heisses Eisen: den eigenen Kindern einen eigenen Lebensstil gönnen. Hier würde manchem Mami und manchem Papi der Satz Jesu ebenfalls gut zu Gesicht stehen:
"Ich lebe und du sollst auch leben!"
Was wäre das für manches Kind eine Erleichterung, einen solchen Satz von den Eltern zu hören: "Ich hab mein Leben, leb du deines!"

- Ja, auch das macht Lebensqualität aus: Wie sehr können meine Eltern meinen gewählten Lebensweg akzeptieren.



Leben ist mehr, als wir messen und zählen können.
Wir können noch so viele vermeintlich objektive Kriterien für gut befinden, es hilft nicht, wenn wir dann doch das Gefühl haben: "So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt!"
Das ist es, was die Lebensqualität beeinträchtigt.

Wenn die eigenen Planungen anders aussehen, als ich mir das gedacht habe.
Wenn ich Wünsche an mein eigenes Leben nicht erfüllen konnte - aus welchen Gründen auch immer.
Und auch dies: Wenn dann meine Kinder ebenfalls nicht meinen Lebenswunsch erfüllen können.


Hier kann uns die Jahreslosung ein Fingerzeig sein.
Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Jesus möchte, dass wir zu einem Leben finden,
in dem Sinn ist und Freude,
in dem es erfüllte Stunden gibt.

Aber für diese Erfüllung sind sicher nicht andere verantwortlich, sondern für diese Erfüllung muss ich auch selbst bereit sein, etwas zu tun.
Mein Leben wird nicht erfüllter dadurch, dass ich mehr Geld verdiene.
Mein Leben wird auch nicht erfüllter dadurch, dass mein Sohn einen bestimmten Lebensstil lebt und meine Tochter einen anderen.

Mein Leben wird erfüllter, in dem ich selbst meine Möglichkeiten akzeptiere ... und sie aber auch ausreize.


Wir dürfen davon ausgehen, dass Jesus ein erfülltes Leben in diesem Sinne geführt hat.
Sein Leben war von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe geprägt und bestimmt.
Er war für seine Mitmenschen da, hat sich ihrer angenommen. Ihr Leid, ihre Krankheit, ihre Sorgen hat er zu seinen gemacht. Wo Angst war, hat er Hoffnung geschenkt. Wo Not war, hat er geholfen.
Die Schwachen und Aussenseiter hatten in ihm einen Fürsprecher.

So hat Jesus in der Dunkelheit der Welt ein Licht angezündet, und ist selbst zum Licht geworden.
Jesus kann wirklich von sich sagen: Ich lebe!

Für die eine ist das vielleicht der Sinn des Lebens: eine solche Nächstenliebe, wie Jesus sie vorgelebt hat.

Für den anderen ist vielleicht das der Sinn des Lebens: in der Stille meditieren und die Nähe zu Gott im Gebet suchen.

Wieder eine andere mag den Sinn in ihrem Leben darin finden, tagein tagaus für ihre Kinder da zu sein und sie zu versorgen.

Und einem anderen gibt ist es der Sinn im Leben, in alten Geschichtsbüchern zu stöbern und auf alten historischen Spuren Reisen zu unternehmen.



Für alle aber gilt: Lebt! Ihr sollt leben!
Und wenn ihr euer Leben nicht lebenswert findet,
dann ändert etwas daran!



Und in diesem Sinne passt die Jahreslosung gerade zum Beginn eines Jahres. Weil mit dem Jahreswechsel eine so gute Gelegenheit gegeben ist, einmal nachzudenken über Vergangenes und noch viel mehr nachzudenken über Zukünftiges.

Ist das ein Leben?
Ja - dann lebe es.
Nein - dann nimm es in die Hand und ändere etwas.

Christus spricht:
Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Frohes neues Jahr!

Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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