Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Johannes 13,34-35
17.05.2009
Kirche Bözberg
Pfrn. Chr. Straberg (CS)
Pfr. Th. Bunz (TB)


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Eine Dialogpredigt anlässlich der Kirchgemeindeversammlung. In diesem Gottesdienst war ausserdem der Frauen- und Töchterchor Bözberg beteiligt.

Johannes 13,34-35

Ein neues Gebot gebe ich euch:
dass ihr einander liebt. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: Wenn ihr bei euch der Liebe Raum gebt.


TB
Schau mal, was ich hier habe! - Daraus möchte ich etwas vorlesen.

CS
Ist das schon der neue Jahresbericht der Kirchgemeinde?

TB
Nein, der wird erst nach dem Gottesdienst vorgestellt. Das da ist das Hochzeits-Büchli von Andrea und Reto. Die habe ich letztes Jahr getraut.
Christine
Und daraus willst du jetzt hier etwas vorlesen?

TB
Ja.
"Es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Mittel, ein Ding schön zu machen, als es zu lieben." ... von Robert Musil.

Oder hier:
"Jemanden lieben heisst, als Einziger ein für die anderen unsichtbares Wunder zu sehen." ... von Francois Mauriac

CS
Das sind sehr tiefsinnige und schöne Sprüche.
Die passen in so ein Hochzeits-Buch. Aber was soll das jetzt hier?

TB
Na, ich dachte mir, da wir nun schon so viele Lieder zur Liebe gesungen haben, dazu den Text aus dem Johannes-Evangelium zur Liebe ... da passt es doch, noch ein paar weltliche Verse zu hören.

Und vielleicht helfen diese weltlichen Verse ja auch!

CS
Helfen? Wobei

TB
Na dabei, das Gebot auch einzuhalten. Du musst zugeben, es klingt geradezu wie ein Befehl:

"Liebt einander"
"Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben!"
CS (Sie rückt näher)
Und - ist das so schlimm?

TB
Nein, für uns beide nicht.
Und für dieses Hochzeitspäärli sicher auch nicht.

Aber Jesus hat das ja nicht zu einem Liebespaar gesagt, sondern zu seinen Jüngern!
Jesus sagt diesen Vers zur Gemeinde - also auch zu uns heute noch!

CS
Klar sagt Jesus das auch zu unserer Gemeinde: Wir sollen darin als Christinnen und Christen erkennbar sein, dass wir Jesu Liebe untereinander weitergeben. Überhaupt daran, dass wir miteinander liebevoll umgehen.
Daran ist doch nichts schlechtes!

TB
Nein, daran ist überhaupt nichts schlechtes. Aber es ist daran doch etwas, was mich misstrauisch macht:
Es ist ein "Gebot" sagt Jesus. Ein Gebot ist dann so etwas wie eine göttliche Pflicht ... und das heisst doch, Jesus befiehlt die Liebe ... Kann man denn aber Liebe befehlen?
Liebe lässt sich doch nicht so einfach herstellen oder bewirken. Liebe kann ich mir doch nicht so einfach vornehmen. Liebe - das ist doch etwas, das mir sozusagen passiert.
So, wie es mir passiert ist, dass ich mich in dich verliebt habe!

CS
Ja und ich mich in dich. Aber das war schon nicht von jetzt auf gleich und vom ersten Augenblick an. Es hat etwas gedauert.

TB
Stimmt, ich musste eine Weile werben.

CS
Liebe passiert zwar, aber Liebe entsteht auch.
(Er blickt unverständig/verwirrt)
Jesus sagt doch, wir sollen einander lieben, so wie er uns geliebt hat.
Und seinen Jüngern hat er es zuvor vorgemacht, was er damit meint. Den zwei Versen, die ich vorgelesen habe, geht die Erzählung von der Fusswaschung voraus.

TB
Als Jesus am letzten Abend vor seiner Verhaftung ein letztes Mal mit seinen Jüngern zusammen sitzt, bindet er sich einen Schurz um, giesst Wasser in ein Becken und wäscht jedem am Tisch die Füsse.

CS
Jesus schlüpft in die Rolle des Dieners, des Sklaven.

TB
Ist das "Liebe"?

CS
Es ist ein Ausdruck von Liebe: Dienen.

TB
Und einander Sklavendienste zu leisten? ... ??

CS
Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Jesus sich dafür nicht zu schade ist - er kann auch Sklavendienste leisten.
Auf uns übertragen bedeutet das, wir sollen uns selbst nicht zu wichtig nehmen - niemand ist etwas ‚besseres' einem anderen gegenüber.

TB
Aber wenn ich einen Menschen liebe, dann empfinde ich schon, dass dieser Mensch etwas ganz Besonderes ist!
Ich weiss dann von Wundern in diesem Menschen, die sind für andere vollkommen unsichtbar - das steht in diesem Hochzeitsbüchli.

CS
Ja und das ist auch so: Ein Mensch, den man liebt, der ist etwas ganz besonderes.
Du wirst einem Menschen, den du liebst, ganz anders begegnen und behandeln, als jeden anderen Menschen auf dieser Welt. Du bringst einem Menschen, den du liebst, eine ganz besondere Wertschätzung entgegen. Und sicher dienst du diesem Menschen auch!

TB
Jedenfalls versuche ich mit kleinen Aufmerksamkeiten, die Liebe meiner Angebeteten zu gewinnen.

CS
Und das ist dir bei mir ja auch gelungen.

TB
Genau, es ist mir bei dir gelungen.
Und damit ist es aber auch genug! Jetzt will ich doch nicht auch noch alle anderen Menschen lieben.

CS
Das sollst du ja auch nicht. Aber wie wäre es, wenn du doch allen anderen Menschen eine besondere Wertschätzung entgegenbringen könntest?
Das ist ja das ‚Geheimnis' dieser Liebe: Jesus bringt jedem Menschen eine ganz besondere Wertschätzung entgegen.

Für Jesus ist jeder Mensch etwas ganz besonderes.

TB
Und genau damit macht Jesus jeden Menschen auch zu etwas ganz besonderem.
Denn so drückt es ja der andere Vers aus, den ich aus dem Hochzeitsbüchli gelesen habe:
Es gibt nur ein einziges Mittel, ein Ding schön zu machen - nämlich es zu lieben.
Die Liebe macht etwas mit dir. Die Wertschätzung, die du erfährst, verändert dich.

CS
Und wenn ich mir dann anschaue, wie Jesus diese Wertschätzung gelebt hat, wie er diese Liebe vorgelebt hat, dann sehe ich darin noch etwas anderes wichtiges:

Jesus ermächtigt die Menschen dazu, Liebe zu leben.

TB
Er ermächtigt sie?

CS
Eigentlich sollte Jesus ja der Herr sein - also ein ‚Herr' im Sinne von ‚Herrscher' oder ‚König'. So haben ihn die Menschen jedenfalls erwartet. Auch die Jünger sagen ‚Rabbuni' zu ihm, also ‚Lehrer'.
Solche Herrscher und Lehrer haben Macht. Sie sitzen in Positionen, von denen aus sie Macht ausüben können.

Die meisten damaligen Herrscher haben ihre Macht dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie die Menschen entmächtigt haben. Sie haben den Menschen jegliche Selbständigkeit und Mitbestimmung genommen.

TB
Ach so. Und Jesus hat, obwohl er ebenfalls eine mächtige Position hätte haben können, diese Macht gar nicht eingesetzt.

CS
Jesus hat seine Macht eingesetzt!
Aber eben nicht so, wie es die Menschen gekannt und erwartet haben durch Unterdrückung und Gegenschlag,
sondern Jesus hat seine Macht darin erwiesen, dass er die Menschen eben nicht unterdrückt und entmächtigt hat,
sondern er hat den Menschen Macht gegeben - er hat sie ermächtigt. Ermächtigt, zu lieben. Ermächtigt, in seinem Sinne zu leben.

TB
Jesus hat den Menschen Macht gegeben, ohne dabei von seiner eigenen Macht etwas zu verlieren.
Das können irdische Herrscher oftmals nicht. Sie sind in ihren Gesetzen gefangen und müssen diese auch ausführen. Mit Liebe hat das nichts zu tun.

CS
Irdische Herrscher können das vielleicht nicht. Aber wir können es!
Wir können miteinander so umgehen, wie Jesus es uns vorgemacht hat:

TB
Wertschätzend und anerkennend,
sich selbst weniger wichtig nehmen
und den anderen ermächtigen anstatt ihn zu entmachten.

CS
Ein hoher Anspruch.
Aber das ist der Anspruch, den Jesus in seinem neuen Gebot der Liebe an uns stellt.

Und noch etwas hat Jesus für uns in der Hand: Vergebung

Wir können einander vergeben.

TB
Vergeben können ist auch etwas, das irdischen Herrschern häufig nicht möglich ist, weil sie in den Grenzen der Gesetze gefangen sind. Eine Straftat muss auch bestraft werden - da gibt es keinen Spielraum. Vergebung - das geschieht höchstens auf dem Gnadenweg, aber das passiert dann doch nur sehr selten.

CS
Jesus kann vergeben. Jesus kann unsere Schuld vergeben, weil er für unsere Schuld eingestanden ist.
Und wir sollten einander auch vergeben können, wo wir einander schuldig geworden sind.
Auch ein hoher Anspruch.
Aber ein Anspruch, der mit Wertschätzung und mit ein bisschen sich-selbst-weniger-wichtig-nehmen gelingen kann.


TB
In diesem Sinne lasse ich mir doch gern befehlen, einander zu lieben. Wenn dabei eine Wertschätzung und Ermächtigung heraus kommt, die mich mein Leben so leben lässt, wie es dem Willen Gottes und dem Willen Jesu entspricht.

Ein neues Gebot gebe ich euch:
dass ihr einander liebt.
Wie ich euch geliebt habe,
so sollt auch ihr einander lieben.
Daran werden alle erkennen,
dass ihr meine Jünger seid:
Wenn ihr untereinander Liebe habt.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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