Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Jesaja 52,7-10
23.12.2007
Kirche Mönthal
Pfr. Thorsten Bunz


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Jesaja 52,7-10

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.
9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den 4. Advent ist einer dieser prophetischen Texte, bei denen ich selbst nach dem ersten Lesen gleich denke:
aha - nichts verstanden
noch mal lesen.

So ist es denen beim Bibelgespräch vergangene Woche auch ergangen und sicher haben Sie vorhin bei der Lesung das gleiche gedacht.

Gern lese ich Ihnen den Text noch einmal vor,
aber zuvor als Einstimmung erzähle ich Ihnen etwas von dem Drumherum.


Das Volk Gottes, also das Volk Israel, hat sich unverbesserlich immer wieder gegen Gott aufgelehnt. Es sind Menschen. Und Menschen haben von Gott die Möglichkeit bekommen, selbständig zu denken und selbstbestimmt zu handeln.
Das ist auch gut so.
Nur leider führt das immer wieder auch dazu, dass Menschen gegen sich und andere und auch gegen Gott handeln.
Was im Grunde genommen auf das gleiche hinaus läuft - wenn ich gegen meine Mitmenschen handele, dann handele ich natürlich zugleich auch gegen Gott. Denn Gott will ja, dass es den Menschen gut geht. Gott will, dass wir einander in erster Linie mit Liebe begegnen.

Aber eben: wo Menschen agieren, da menschelt es auch mal.
Und menscheln bedeutet eben auch Fehler machen.

Nun.

Um die Menschen in seinem Volk wieder auf den rechten Weg zu bringen, hat Gott ihnen Propheten gesandt. Jesaja war so einer.
Die Propheten haben Gottes Willen vermittelt - jedenfalls war das ihr Auftrag.
Aber wer mit solch einem Auftrag zu den Menschen geht, stösst nicht nur auf offene Ohren und offene Herzen.
Und so haben sich die Menschen immer wieder nicht lang um die Botschaften und Mahnungen der Propheten geschert.

Und so hat Gott sein Volk bestraft.

So jedenfalls erklärt uns die Bibel, was dem Volk Israel in Jerusalem geschehen ist.

Jerusalem wurde von den Babyloniern unter ihrem König Nebukadnezar im Jahr 597 vor unserer Zeitrechnung - also vor mehr als 2600 Jahren - eingenommen. Um das Volk zu schwächen, hat Nebukadnezar einen grossen Teil der Führungsschicht - also hohe Beamte und einflussreiche Männer - nach Babylonien verschleppen lassen.

Die übrig gebliebenen waren nicht träge, sondern liessen sich von einem Vasallenkönig zu einem Aufstand verleiten.
Was 10 Jahre später zu einer gänzlichen Zerstörung Jerusalems und zu weiteren Deportationen nahezu der gesamten sozialen Oberschicht und der kriegsfähigsten Männer führte.
Und was noch viel schlimmer war:
Auch der Tempel wurde zerstört.

Für das Volk Israel war und ist der Tempel der wichtigste Ort, um mit Gott im Gespräch zu sein.

Anders als für uns, die wir ja nicht zwangsläufig eine Kirche brauchen, um zu Gott zu beten, sondern gut und gerne auch im Wald Gott finden können - so sagen jedenfalls manche Leute gerne, wenn sie sich für ihre seltenen Gottesdienstbesuche entschuldigen wollen - anders als wir also ist es für die Juden damals äusserst wichtig, im Tempel in Jerusalem Gottesdienst zu feiern und zu Gott zu beten.

Auch heute noch hat die Klagemauer in Jerusalem einen äusserst wichtige Bedeutung für das Gebet. Die Klagemauer ist das einzige, was heute vom Tempel in Jerusalem noch übrig geblieben ist.
Allerdings sind das Reste des Tempels, der erst sehr viel später noch einmal zerstört worden ist, nachdem er längst wieder aufgebaut war.

Aber das ist eine andere Zeit.


Unser Predigttext für heute gehört so etwa in die Zeit 540 bis 530 vor unserer Zeitrechnung - also vor der Geburt Christi.

In dieser Zeit verlieren die Babylonier so langsam ihre Vormachtstellung und ein anderes Volk gewinnt an Stärke:
Die Perser.
Der Perserkönig Kyros kämpft mit harter Hand gegen die Babylonier und - was für das Volk Gottes sehr viel wichtiger ist - Kyros vertritt dabei eine sehr viel grosszügigere und liberalere Religionspolitik.
Die im Exil befindlichen Juden dürfen ihre religiösen Feiern begehen, ohne Repressalien fürchten zu müssen.

Und im Jahr 536 schliesslich wird sogar die Rückkehr nach Jerusalem gestattet - rund 50 Jahre später.



Jesaja - der Prophet, aus dem unser Predigttext heute stammt, hat dem Volk ursprünglich mit der Strafe Gottes gedroht.
Später dann hat er das Volk im Exil gestützt und an die Kraft des Glaubens erinnert.

Der Text im 52. Kapitel aber, den wir heute bedenken dürfen, richtet sich nicht an die Menschen im Exil,
sondern er richtet sich an die Menschen, die in Jerusalem zurück geblieben sind:
An die, die in den Trümmern sitzen, innerhalb der Stadtmauern, die keine Mauern mehr sind, sondern zertrümmerte Steinhaufen.


Im Exil - so heisst es - haben sich die Menschen recht gut einrichten können. Es gab sogar einige, die es in den Beamtenlaufbahnen der Babylonier zu ansehnlichen Posten gebracht haben.

In Jerusalem aber, in der zerstörten Heimatstadt, gab es keine Beamtenlaufbahnen mehr, in denen man es zu ansehnlichen Posten hätte bringen können.
Diese Menschen sind wirklich in grösster Armut und Not.
Keine mächtige Stadtmauer schützt vor Feinden oder wilden Tieren. Kein Sicherheitsdienst schützt vor Räubern und Wegelagerern.

Diese Menschen harren Tag für Tag der Dinge, die da kommen - sie warten!
Sie warten darauf, dass Gott sie wieder erretten wird aus dieser für sie unsagbar grossen Not.
Sie warten auf die Ankunft des Retters, wie er ihnen auch durch den Propheten Jesaja verheissen wurde.
Diese Menschen sind wahrhaft in einer adventlichen Stimmung: Weil Advent "Ankunft" bedeutet und weil die Adventszeit das Warten auf eben diese Ankunft symbolisiert.

Wir heutzutage warten im Advent nur noch auf das Weihnachtsfest.

Die Menschen damals in Jerusalem warten auf die Ankunft eines Retters. Und sie erwarten diesen Retter von Gott!



Das ist die Situation, in die hinein unser Predigttext zu denken und zu hören ist.
Hier sind Menschen am Werk, die niemals auch nur einen Moment daran gezweifelt haben, dass Gott sein Volk auch diesmal erretten wird.
Diese Menschen spüren die Bewegung, die in die Machtverhältnisse zwischen den Babyloniern und den Persern gekommen ist und deuten sie richtig: als Werk Gottes.

Und darum schreiben sie hier im Namen des grossen Propheten Jesaja diese Zeilen:


7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.
9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.


Die Freudenboten kommen, die Freude selbst kommt: er ist bereits schon zu spüren und zu sehen, der Friede, der da versprochen wird:
die Füsse sind's, die hier so herrlich benannt werden,
der Friede ist bereits unterwegs.

Die Wächter, die jetzt noch auf den Trümmern der Stadt sitzen, die längst keinen Wachtturm mehr haben, auf dem sie nach Feinden Ausschau halten könnten,
diese Wächter sehe bereits den Frieden kommen
und diese Wächter verkünden die Botschaft:
Der Friede kommt, ja Gott selbst kommt nach Zion, kommt nach Jerusalem zurück.

Darum: Singt ein Freudenlied!
Jubelt fröhlich! Alle, die ihr in den Trümmern da liegt und ausgeharrt habt bis zu letzt: Singt, jubelt, denn Gott selbst hat die Macht an sich genommen - irdische Reiche und irdische Herrscher, sie sind doch allesamt nichts mehr gegenüber unserem Gott.


Das ist die Botschaft, die dieser Text bietet,
das ist die Botschaft, die den Menschen in den Trümmern Jerusalems Mut gemacht hat: das Warten hat sich gelohnt, der Retter ist bereits unterwegs.

So haben die Menschen vor 2 ½ Tausend Jahren die Ankunft des Retters herbeigesehnt und geglaubt.

In den Trümmern der vernichteten Stadt haben sie eine Vision für die Zukunft erhalten. Sie haben niemals die Hoffnung verloren.
Sondern diese Menschen haben ihre Hoffnung allein darauf gestützt, was ihnen verheissen war:
Dass Gott ihnen einen Retter schicken wird, einen Friedefürsten, der ihnen und der Welt den Frieden bringt.

Diese Hoffnung hat die Menschen am Leben gehalten.

Und das ist wohl das, was wir Glauben nennen können:
Leben in dem, was mir verheissen ist,
leben aus dem, was mir von Gott verheissen ist,
à das ist Glaube.




Und an dieser Stelle erst wird der Text für uns heute spannend, finde ich.
Denn diese Trümmersituation, die zerstörte Stadt, der zerstörte Tempel, die zerstörte Zukunft,
diese Trümmersituation kennen wir - Gott sei es gedankt - hier bei uns nicht.

Aber dennoch kennen wir Trümmer:
In unseren Herzen, in denen wir Menschen verachten oder unbeachtet lassen, weil sie uns egal sind, weil sie nicht in unserem Sinne handeln oder leben.
Wir kennen die Trümmer in unserer Seele, weil wir mit Worten verletzen können oder verletzt wurden.
Wir kennen die Trümmer in unseren Familien, weil wir nebeneinander her leben, ohne aufeinander zu achten.

Jeder hat seine eigenen Trümmer, die auch den Kontakt und die Beziehung zu Gott stören können - es ist nicht der zerstörte Tempel, aber es ist eine gestörte oder irritierte Beziehung zu Gott, weil seine irdischen Mitarbeiter, sein "Bodenpersonal" wie manche so gern sagen, nicht so agieren oder leben, wie ich es mir wünsche.
Oder weil mir das System der verfassten Kirche mit ihrer Steuererhebung nicht gefällt oder was auch immer.

"Jedes hät si's Bürdeli zu trage!" Das kennen Sie.
Und das sind die Trümmer, in denen wir leben.

Das sind aber auch die Trümmer, in denen wir unsere Hoffnung niemals aufgeben sollten!
Unsere Hoffnung darauf, dass es aus diesen Trümmern noch einmal eine Rettung geben wird.

Solange ich darauf vertrauen kann, dass es eine Rettung aus meinen persönlichen Trümmern geben kann,
solange habe ich noch eine Chance.

Oder noch konkreter:
Solange ich Gott zutraue, dass er mir aus meinem ganz persönlichen Trümmerhaufen heraushelfen wird,
solange werde ich die Zeit, die ich in meinem Trümmerhaufen noch bleiben muss, auch überleben können.
Und dann werde ich es erleben:
Ich werde es erleben, dass sich das Warten auch für mich lohnt.
Das Warten darauf, dass Gott mich aus meinen Trümmern rettet.

Und das - dieses Warten auf die Rettung Gottes aus meinen eigenen und persönlichen Trümmern - das ist die Botschaft dieses uralten Jesaja-Textes für uns heute.
Und das ist die Botschaft von Weihnachten:

Gott, der Retter ist da!
In seinem Sohn Jesus Christus wird Gott Mensch,
um mir als Mensch und Gott die Hand zu reichen.

Um mich herauszuziehen aus den Trümmern meines Lebens.
Und um mich einzuladen, mit ihm gemeinsam mein Leben aufzuräumen und neu zu ordnen und orientieren.

Gott reicht mir die Hand, das wird gerade an Weihnachten deutlich.
Gott reicht mir die Hand - ich muss sie nur nehmen.

Gott reicht uns allen die Hand des Friedens:
in dem kleinen Baby das in der Krippe liegt - unschuldig, ungeschützt, und auf jede Hilfe durch andere angewiesen!

Helfen wir!

Reichen wir Gott die Hand, lassen uns von ihm aus unseren persönlichen Trümmern herausziehen
und helfen wir, am Frieden in der Welt mit zu bauen und zu arbeiten!


Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.

Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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