Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Karfreitagsfenster
22.04.2011
Kirche Mönthal
Pfrn. Christine Straberg


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Predigt zum Kirchbözberger Karfreitagsfenster

Liebe Gemeinde!

Momente des tiefsten Leides, Momente von Hass und Gewalt, sie kann man kaum in Worte fassen.
Wir vermögen nicht auszudrücken, welche Gefühle sich in uns bewegen.
Meistens gehen unsere Gefühle nicht nur in eine Richtung, sind vielfältig, vermengen sich.

In solchen Momenten sagt ein Bild oft mehr als tausend Worte. Nicht umsonst gibt es von der Kreuzigung Jesu unendlich viele Bilder - Bilder die zusammensehen, was wir in Worten immer nur hintereinander bringen und sagen können.
Bilder, die in aller Not und Traurigkeit ein Zeichen der Hoffnung sein können, viel mehr als es Worte können.
Gerade am Karfreitag, dem schwersten Tag unseres Glaubens.

Und so sind die Fenster in der Kirche Bözberg darin so wertvoll, als dass sie die wichtigsten Ereignisse unseres Glaubens noch mal anders fassen. Die vier Fenster, die die vier wichtigsten Feste des Kirchenjahres darstellen - Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten.

Und wenn das Licht durch die Fenster scheint und sie zum Leuchten bringt, dann ist es als ob auch unser Herz durchleuchtet wird vom Licht Gottes. Dann kann ich noch mal ganz anders Bilder meines Glaubens fassen. Insofern predigen Kirchenfenster - in anderer Form als mit Worten, aber genauso wertvoll.

Die Reformatoren haben zu ihrer Zeit Bilder völlig verbannt, damit diese nicht verwechselt werden mit dem, was sie darstellen - und auch damit sie die Konzentration aufs Wort nicht ablenken. Aber eben, manchmal brauchen wir auch das Bild, um unseren Glauben fassen zu können.

hier sollte ein Bild sein - es zeigt:

Karfreitagsfenster von Roland Guignard

Wie schön, dass der Künstler Roland Guignard 1964 diese Fenster gestalten durfte - noch in seiner frühen gegenständlichen Phase. So können wir noch viel in den Fenstern erkennen, aber sie sprechen auch ganz stark durch ihre Farben.

Ich finde, dass zuerst die Farbe des Fensters ins Auge springt - vor allem, wenn die Sonne durch das Fenster scheint: Rot - Rot dominiert. Und mit dieser Farbe ist schon ganz viel von dem Geschehen an Karfreitag ausgedrückt:

Rot, das ist die Farbe von höchster Emotionalität - sie betrifft mich im Innersten. Rot ist vielleicht auch von daher eine ambivalente, eine zwiegespaltene Farbe.
Zum einen ist sie als erstes die Farbe der Liebe und der Leidenschaft. Aber daneben ist sie auch die Farbe des Blutes, also des Leidens, des Martyriums. Die Farbe des Opfers und der Hingabe, aber auch die Farbe der Aggression und der Zerstörung. All das beinhaltet diese dominante, das Bild bestimmende Farbe. Rot.

Und ist nicht der Tod Jesu für uns genauso zwiegespalten? Ist nicht die Kreuzigung umfangen von all diesen Momenten und Gefühlen? Zerstörung, Aggression, Blut, Tod - all das erlebt Jesus auf dem Weg ans Kreuz in den Tod.
Darin erinnert sie uns auch ans Abendmahl, an dem er uns gesagt hat: Mein Blut, für euch vergossen.
Und somit erinnert er uns auch daran, dass in ihm die Liebe Gottes lebt. Gottes Geist, in leidenschaftlicher Liebe zu uns Menschen geopfert, hingegeben, um uns durch Leiden und Tod hindurch den Weg zu Gott zu öffnen.
Rot. So viel kann eine Farbe auslösen.
Rot umschliesst die eigentliche Szene und die Gegenstände, die im Fenster abgebildet sind.

Als nächstes stärkstes Motiv bestimmen drei Kreuze das Fenster - in schwarz, der Farbe der Finsternis, des Unheils, des Todes. Sie sind über- und nebeneinander angeordnet - ich musste schon ein bischen schauen, um zu erkennen, welches Kreuz welches ist - Jesu Kreuz ist als das Oberste das Mittlere, aber es wirkt, als ob die drei Kreuze miteinander verwoben sind.
Jesu Kreuz vermengt sich mit den Kreuzen von uns Menschen. Jesu Kreuz ist eines von den vielen - Gott hat sich in das Leiden der Menschheit hineingegeben. Nicht, um unser Leiden zu übertrumpfen, sondern um unser Leiden anzunehmen, mitzuleiden und mitzutragen. Und so das Leid und den Tod zu überwinden.

Das Fenster bietet in seiner Symbolik eine Gesamtschau aller vier Berichte der Evangelien zur Kreuzigung Jesu. Roland Guignard hat alles im Fenster versammelt, was uns in den Passionsgeschichten berichtet wird.

So sind unter den Kreuzen alle Dinge versammelt, mit Hilfe derer Jesu Spott, Hohn und Folter ausgesetzt war. Gegenstände, die auf verschiedene Bibeltexte Bezug nehmen und darin auf die tiefere Bedeutung des Todes Jesu hinweisen.

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Da ist als Grösstes die Dornenkrone. Die Soldaten des Pilatus treiben ihren Spott mit Jesus. Sie karikieren eine Einsetzung zum König: Sie setzen Jesus einen Kranz aus Dornengestrüpp auf, umschlingen ihn mit einem Purpurmantel, alles Zeichen der Einsetzung des Königs - und dann verspotten und schlagen sie ihn.
So wie Menschen schon immer von anderen verhöhnt und gefoltert wurden. Nur merken die Soldaten nicht, dass sie in ihrer Verspottung Jesu als König eine tiefe Wahrheit aussprechen. Sie zeigen uns allen, dass Gott der König ist, der sich um uns Menschen willen verspotten und quälen lässt. Unglaublich! Und es kann einem frösteln, dass Gott diesen Weg gehen musste.

In allen vier Evangelien wird der Weg Jesu ans Kreuz weniger in seinem Leiden als in seiner Symbolhaftigkeit beschrieben. Und so sind es folgende, weitere Gegenstände, die die Kreuzigung umschreiben:
Die Würfel auf dem Tuch im Fenster stehen für die Szene, als die Soldaten unterm Kreuz auslosen, wer die Kleider Jesu bekommt. Das ist eine direkte Anspielung auf Psalm 22:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tags rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrieen sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.
Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.
Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Diese und weitere Anspielungen aus den Psalmen zeigen uns: Hier leidet ein Gerechter, hier leidet einer, der es nicht nötig gehabt hätte!
Und sie zeigen: Dass Jesus so leiden musste, war klar und ist nicht ein Versehen. Alles sollte so kommen!

Bei Johannes ist sogar der Trank, der Jesus mit einem Schwamm gereicht wird, eine Anspielung auf Psalm 69, in dem der Leidende bitteren Wein zu trinken bekommt - eine weitere Verlängerung seiner Pein. Auch den Schwamm kann man erkennen, rechts und links von der Verstrebung.

Und dann ist noch der Speer zu erkennen, mit dem im Johannesevangelium am Schluss überprüft wird, ob Jesus wirklich tot ist. Blut und Wasser fliessen aus Jesu Seite und für Johannes ist das eine Anspielung auf die Taufe und auf das Abendmahl. Die wichtigsten Symbole unseres Glaubens.

Damit ist alles versammelt, womit die Menschen Jesu Leiden zugefügt haben, als er gekreuzigt wurde.

Aber damit ist noch nicht alles angeschaut, was das Fenster uns zu sagen hat. Es gibt noch den ganz oberen Teil - mit der Sonne und mit der Taube. Die Sonne ist in der Mitte rot, nur noch der goldene Kranz zeigt, dass es die Sonne ist. Und schwarze Schwaden beginnen, die Sonne zu verdecken.
In den synoptischen Evangelien wird uns von einer dreistündigen Finsternis berichtet - Lukas beschreibt es als Sonnenfinsternis, bei Matthäus und Markus ist es eine kosmische Finsternis - als ob die ganze Welt von tiefer Trauer umfasst wird, den Atem anhält. Diese Finsternis zeigt die Ausweglosigkeit und die Tiefe dessen, was gerade geschieht. Hier ist es noch nicht ganz finster, aber wir sehen die Finsternis auf uns zukommen.

Und noch etwas geschieht auf dem Fenster: Eine Taube fliegt davon - gen Himmel - aus dem Bild heraus. Eine Taube - das Bild für Gottes Geist.
Als Jesus getauft wurde, kommt Gottes Geist aus dem Himmel wie eine Taube. Hier fliegt die Taube davon. Es ist, als ob Gottes Geist die Szene verlässt - als ob Roland Guignard so das tiefste Geschehen kurz vor Jesu Tod bei Matthäus und Markus ins Bild fasst.
Anders als bei Johannes spricht Jesus dort nur einen Satz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!

Und hier ist sie angedeutet - diese Gottverlassenheit. Jesus ist am Ende. Jesus durchleidet alles: Unserer Ängste, unser Leiden, unsere Gottverlassenheit. Jesus geht mit uns in die Tiefe des Todes.
Alles ist am Ende. Das Ende. Am Karfreitag zumindest.

Und darin liegt die Stärke eines Bildes. In diese Gottverlassenheit und in dieses Leid werden kleine Zeichen der Hoffnung gewoben. Nicht nur durch das ambivalente Rot, das uns die Liebe Gottes vor Augen hält.
Im ganzen Fenster sind kleine blaue Streifen eingearbeitet. Sie umfangen die Kreuze, sie umrahmen das Ganze.

Und Blau ist die Farbe des Glaubens. Blau ist die Farbe der Gegenwart und der Kraft Gottes. Blau zeigt auch Geborgenheit und Treue an. Und so können wir uns am Karfreitag in allem Leid und in aller Finsternis von Gottes Treue und Liebe umfangen wissen. Das Leiden bleibt beängstigend und unverständlich.
Das Leiden bleibt unerträglich und kann nicht beschönigt werden. Aber indem Gott selbst ins Leiden und in den Tod gegangen ist, hat er es durchlässig gemacht, hat er ihm die Endgültigkeit genommen. So will er Hoffnung in unsere Herzen pflanzen. So soll das Licht, das dieses Fenster erhellt und zum Strahlen bringt, auch in unsere Herzen dringen und unsere Finsternis zum Leuchten bringen.
Jesus hat unsere Finsternis durchdrungen. Er ist das Licht der Welt. Ich hoffe, dass sie dieses Wunder mit in die Ostertage nehmen.
Und der Frieden Gottes, der stärker ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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