Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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Apg 16, 23-34
20.04.2008
Kirche Auenstein
Pfr. Th. Bunz


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Apg 16, 23-34

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde!
"O herrlicher Tag, o fröhliche Zeit ... wir sind erlöst aus aller Not"
Das sollten Paulus und Silas im Gefängnis wohl singen:
Als sie sehen, dass die Türen offen stehen und der Weg in die Freiheit vor ihnen liegt.

Aber das tun sie nicht.

Sie loben Gott nicht mit einem Lied,
sondern sie loben Gott im Gebet.
Und das nicht etwa aus Dankbarkeit, weil Gott ihnen den Weg in die Freiheit geöffnet hat,
sondern schon viel früher, als sie gerade erst eine Nacht im Gefängnis sitzen und obwohl Gott sie dorthin geführt hat - denn sie sind wegen Gott im Gefängnis!

Paulus und Silas wurden in Philippi unter einem Vorwand angeklagt. Ihr Vergehen: Sie haben das Evangelium Jesu Christi verkündigt,
sie haben Ordnungen gelehrt, die die Römer nicht annehmen wollten.
Darum werden sie verhaftet und geschlagen und ins Gefängnis geworfen.


Und nun sitzen sie im Gefängnis und loben Gott im Gebet.
Und das tun sie so laut, dass alle Gefangenen es hören - obwohl Paulus und Silas im innersten Gefängnis eingesperrt sind.
So laut loben sie Gott, dass es alle hören - sie lobsingen seinen Namen von ganzem Herzen.

Ist das nicht sonderbar? Weil sie Gott und seinen Sohn Jesus Christus verkündigen sind sie eingesperrt - gefangen. Und dennoch lobsingen sie Gott.

Um das zu verstehen, muss man die ganze Geschichte im Blick haben:
Ein Erdbeben kommt auf und zerstört Türen und Fesseln. Alles, was ein Gefängnis ausmacht, wird plötzlich aufgehoben.
Wenn das in Lenzburg passieren würde - die Gefangenen liefen scharenweise davon! Keine 10 Pferde würden sie mehr aufhalten - und schon gar nicht ein schlafender Gefängnisaufseher.

Aber Paulus und Silas bleiben sitzen. Sie laufen nicht davon.

Erst loben sie Gott, obwohl sie um seines Namens willen in das Gefängnis gekommen sind
und nun bleiben sie auch noch sitzen,
als das Gefängnis kein Gefängnis mehr ist.

"Typisch" kann man da einwerfen. "Das ist doch glorifiziert,
über Paulus und Silas muss doch so was tolles geschrieben werden!"
"Als gottesfürchtige und friedliebende Christen loben sie natürlich Gott, obwohl sie um seines Namens willen im Gefängnis sitzen.
Und natürlich bleiben sie - fromm wie sie sind - auch sitzen, als das Gefängnis zerstört ist."

Ja, es stimmt: Als gottesfürchtige Christen loben sie Gott und als diese bleiben sie im innersten Gefängnis sitzen. Aber nicht, weil sie besonders fromm sind, sondern weil sie zutiefst mit Gott verbunden sind!
Was uns diese Legende von Paulus und Silas berichtet, zeigt tiefste Verbundenheit mit Gott.
Das äussere, von Menschen errichtete Gefängnis, kann Paulus und Silas nicht beeindrucken.
In Gefangenschaft machen sie genau das, was sie auch ausserhalb der Gefängnismauern getan hätten: Sie beten und loben Gott.

Gott hat sie längst befreit von allen Zwängen,
allem Übel ist längst die Macht genommen.
Was will Paulus und Silas das Gefängnis anhaben,
wo doch Jesus Christus für sie den Tod besiegt hat?

Christus hat den Tod besiegt und uns alle von der Macht des Todes befreit - was will mir da noch ein von Menschenhand errichtetes Gebäude anhaben, das nichtmal einem Erdbeben standhält?

Im Erdbeben lösen sich die menschlichen Fesseln, die Türen springen aus den Zargen - der Weg in die Freiheit steht offen -
und doch bleiben Paulus und Silas im innersten Gefängnis sitzen.

Dieser Weg führt nicht wirklich in die Freiheit. Das Gefängnis bedeutet kein wirkliches Gefangensein, die Aufhebung ist keine wirkliche Freiheit.
Für Paulus und Silas hat sich nichts geändert.


Sehr viel geändert hat sich dagegen für den Gefängnis-Aufseher.
Was ist ein Gefängnis ohne verschlossene Türen?
Was ist ein Gefängnis-Aufseher ohne Gefängnis?
Der Gefängnis-Aufseher hat alles verloren. Das Gefängnis ist nichts mehr wert. Sein Beruf ist nichts mehr wert - er selbst fühlt sich nichts mehr wert.

Und deshalb will er sich töten.

Er fühlt sich als Versager, weil er seinen Auftrag nicht ausgeführt hat - er sollte auf Paulus und Silas aufpassen.
Und nun erwacht er aus dem Schlaf und sieht die offenen Gefängnis-Türen.
"Im Dienst eingeschlafen" - so wird auf seiner Entlassungs-Urkunde zu lesen sein. Man wird ihn zur Rechenschaft ziehen, weil er die Gefangenen hat laufen lassen.

Diese Schande will er nicht über sich bringen - lieber wirft er sich in sein Schwert und ist tot.

Paulus mag geahnt haben, was in dem Aufseher vor sich gegangen ist.
Er ruft ihn zu sich: "Tu Dir nichts an, denn wir sind alle hier!"

Unglaublich - da wurden sie geschlagen und gefesselt, mussten im innersten Gefängnis ohne Licht ausharren - und trotzdem entfliehen sie nicht, als die Fesseln gesprengt und die Türen zerstört sind.
Paulus und Silas haben eine andere Freiheit, sie sind schon befreit.

Und das erkennt nun auch der Aufseher. Zitternd fällt er ihnen vor die Füsse und fleht: "Was muss ich tun, damit ich gerettet werden?"
Plötzlich fühlt er selbst sich gefangen, er selbst bedarf der Rettung.
Diese Freiheit, die Paulus und Silas ausstrahlen,
diese Freiheit, die der Gefängnis-Aufseher jetzt erbittet
ist eine andere Freiheit, als bloss außerhalb von Gefängnismauern zu sein.
Umgekehrt gesagt: Auch ausserhalb von Gefängnismauern gibt es keine grenzenlose Freiheit.

Was bringt den Aufseher dazu, sich umbringen zu wollen? Er hat doch das Erdbeben nicht gemacht!
Und doch hat er Angst vor einer Bestrafung. Er ist selbst ein Gefangener, ein Gefangener des Systems. Er sollte auf die Gefangenen aufpassen und hat - offensichtlich - versagt.
Der Aufseher selbst ist der Gefangene, weil er in dem System gefangen ist.

Das kennen wir, das kennen Sie und ich doch auch, oder?
Es gibt vieles, was mir nicht passt. Es gibt vieles, wovon ich mich gerne befreien würde - und doch bin ich ein Gefangener des Systems, ich muss mich den menschlichen Ordnungen unterordnen.
Nehmen wir das Auto-Fahren:
Es gilt als besondere Freiheit, dass wir uns mit dem Auto individuell fortbewegen können. Junge Erwachsene fiebern der Erteilung des Fahrausweises entgegen, um endlich unabhängig von anderen dorthin fahren zu können, wohin sie wollen.
Wer seinen Fahrausweis abgeben muss, fühlt sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt.

Aber: All diese Freiheit hat doch auch ihre Grenzen:
Es gibt Regeln. Es gibt Strassenverkehrsregeln, die es einzuhalten gilt - nicht aus Schikane, aber es ist eben notwendig, sich bei aller individuellen Freiheit auch an die Ordnung zu halten.



Ein Straftäter - womit wir wieder bei Paulus und Silas sind - muss für seine Tat gerade stehen, wird vom Gericht verurteilt und muss - so die Strafe dies vorsieht - im Gefängnis einsitzen. Daraus kann er nicht heraus. Er kann sich diesem äusseren Zwang nicht widersetzen.

Paulus und Silas sitzen juristisch gesehen unschuldig im Gefängnis. Und doch können auch sie nicht aus diesem Zwang heraus.
Und als sie es können, gehen sie nicht: Für sie ist es kein Zwang.
Weil für sie äussere menschliche Zwänge ihre Macht verloren haben.
Sie können in äusserster Not und Bedrängnis noch Gott loben und seinem Namen zu ehren singen.

Auch Dietrich Bonhoeffer, der Reformierte Heilige, wie er oft genannt wird, hat unschuldig im Gefängnis gesessen.
Auch er hat wegen seines Glaubens an Gott und Jesus Christus im Gefängnis sitzen und schliesslich sterben müssen.
In der augenscheinlich tiefsten Not konnte auch Dietrich Bonhoeffer Gott loben und seiner tiefen Verbundenheit mit Gott Ausdruck verleihen:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Paulus und Silas verkündigen dem Gefängnis-Aufseher, was er tun muss, damit er gerettet wird:

"Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!"
Glaube an den Herrn Jesus - so einfach ist die Freiheit!
Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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