Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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2. Timotheus 1,1-10
19.09.2010 - Bettag
Kirche Bözberg
Pfr. Thorsten Bunz


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2. Timotheus 1,1-10

Luther Übersetzung

Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus, an meinen lieben Sohn Timotheus: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!
Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht.
Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.
Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Grossmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.
Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.
Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Liebe Gemeinde,

heute am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag haben wir im Gottesdienst traditionell auch noch eine weitere Lesung neben der Lesung aus der Bibel: Das Bettagsmandat. Im Bettagsmandat für dieses Jahr - das Sie gleich noch hören werden - ist davon die Rede, dass wir durch ein interreligiöses Leben herausgefordert sind. Das bedeutet, in unserer Gesellschaft haben sich nicht nur die Konfessionen ihren je eigenen Stellenwert erarbeitet, sondern weit über die konfessionellen Grenzen hinaus leben wir heute in einem religiösen Pluralismus, einer religiösen Vielfalt, die für mich - und ich denke, damit stehe ich nicht alleine - kaum noch zu überblicken ist. Es gibt ein unüberschaubares Überangebot an religiös motivierten Ritualen und Lebensstilen. Und es gibt eine Vielfalt an nebeneinander bestehenden Erklärungen der Wirklichkeit.
Woher kommt die Welt? Warum ist der Mensch? Warum stirbt er wieder?
Warum gibt es Streit und Hass und Kriege? Und warum gibt es Liebe?

Für alle diese Fragen gibt es genauso viele Antworten, wie es eigentlich auch keine Antwort gibt. Für alle diese Fragen hätte es früher vermutlich eine Antwort gegeben, die die Kirche gelehrt und tradiert hat. Heute aber bieten verschiedene Religionen verschiedene Erklärungen. Dazu kommen verschiedene Wissenschaften, die ihre Erklärungen auch noch mit einbringen.
Der Philosoph Martin Heidegger hat dieses Phänomen einmal ganz einfach charakterisiert:
Keine Zeit hat so viel und so manigfaltiges vom Menschen gewusst, wie die heutige.
Und keine Zeit wusste weniger, was der Mensch sei, als die unsrige.

Wie wohl muss es tun, wenn man da seine eigene Religiöse Identität gefunden hat - oder muss ich besser sagen, wenn man meint, man habe seine eigene Religiöse Identität gefunden?

Im Kontrast zu der Religiösen Vielfalt ist es heute geradezu altmodisch, sich als Christ zu bekennen und den christlichen Glauben hochzuhalten. Wenn man dann auch noch der Reformierten Kirche angehört, wirkt es grad noch verstaubt. Sich einer verfassten Kirche zugehörig zu fühlen und dafür auch noch Steuern zahlen zu müssen, das braucht heutzutage zumindest in meiner Generation schon einiges an Standfestigkeit und Mut. Religion ist etwas persönliches, es ist peinlich, darüber zu reden, peinlich sich dazu zu bekennen. Immer wieder wieder man angefochten, wenn man seinen Glauben lebt und vertritt.

Aber das ist so neu gar nicht, so ging es auch Timotheus schon, an den der Brief geschrieben wurde, der heute unser Predigttext ist. Laut Überschrift über dem Timotheus-Brief hat der Apostel Paulus diesen Brief an seinen Sohn Timotheus geschrieben. Die moderne Exegese, die an den Universitäten gelehrt wird, weiss heute aber, dass das überhaupt nicht erwiesen ist, dass es Paulus war, der diesen Brief geschrieben hat. Die Forscher halten diesen Brief für sehr viel jünger. Und ausserdem wird nirgends sonst erwähnt, dass Paulus Familie und auch noch einen Sohn gehabt hätte. Das steht nur als Überschrift über diesem Brief. Es ist nicht der Paulus, der diesen Brief geschrieben hat und es ist wohl auch kein Timotheus, der diesen Brief erhalten hat.
Das ist jetzt auch so etwas: Da bemühe ich die aktuelle Forschung, die an Universitäten gelehrt wird. Als dieser Brief damals in den biblischen Kanon kam, haben die Menschen das nicht gewusst. Waren sie darum unglücklicher? Wohl kaum.
Und sind wir heute unglücklicher, weil wir wissen, dieser Brief stammt nicht vom berühmten Apostel Paulus? Viel wichtiger als seine Echtheit ist doch, dass der Schreiber ein gläubiger Christ gewesen ist, der in der Nachfolge und in der Tradition des Paulus mit diesem Brief einem gestressten und von Anfeindungen geplagten Gemeindeleiter Mut zuspricht. Und dieser Mut wirkt doch unabhängig davon, wer diesen Brief tatsächlich geschrieben hat! Wenn ich ein schönes Bild ansehe, das jemand gemalt hat, den ich nicht kenne, dann wirkt doch dieses Bild auch auf mich unabhängig davon, wer es gemalt hat. Und es verändert sich in meiner Wirkung auf mich doch nicht, wenn ich irgendwann einmal weiss, von wem es ist. So ist es doch auch mit diesem Text.

Der Text soll Mut machen. Mut machen in einer Zeit der Anfechtung. Und das macht er so gut, dass es dieser Brief eben in den biblischen Kanon geschafft hat und bis heute eine sehr beliebte Text-Quelle für ein Segenswort bei der Einsetzung von Pfarrerinnen und Pfarrern ist. Aber nicht nur da, auch für Trauungen und sogar auch einmal bei einer Taufe habe ich den 7. Vers aus diesem Abschnitt, den ich auch zur Eröffnung des Gottesdienstes gesprochen habe, sprechen dürfen: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Hier ist vom Geist Gottes die Rede. Der Geist Gottes gibt uns die Energie, die wir Tag für Tag benötigen. Das drückt dieser Vers ganz besonders aus. Und ganz wichtig ist dem Schreiber auch das zu betonen, was Gott gerade auch nicht gibt: keine Furcht! Wie sollte ich mein Leben meistern, wenn ich furchtsam bin, ängstlich ... Wie sollte ich mir überhaupt die wissenschaftlichen Fragen stellen, wenn ich Angst hätte, auszuprobieren und zu experimentieren? Oder wenn ich furchtsam wäre, vorsichtig und ängstlich vor dem, was dann passiert?

Nein: Wir haben von Gott unseren Verstand bekommen. Unser Verstand fragt eben nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens. Unser Verstand forscht eben auch nach dem Woher und Wohin. Und das soll und darf auch so sein.
Nur dass ich davor Angst hätte, Furcht, das sollte nicht sein. Und das käme dann sicher nicht von Gott. Gott hat uns gerade nicht einen Geist der Furcht gegeben.
Und Gott hat uns gerade nicht einen Geist der Furcht gegeben, wenn es darum geht, unseren Glauben zu bekennen und zu unserem Glauben öffentlich zu stehen.

Der Brief an den Gemeindeleiter Timotheus hat darin seinen Grund und Anlass. In der Gemeinde wollen zu viele mitreden und lehren. Ich weiss nicht, ob man auch die damalige Situation bereits als Interreligiös bezeichnen kann, so wie das Bettagsmandat heute unsere Zeit charakterisiert. Aber sicher ist, dass der christliche Glaube, der darauf stützt, dass Jesus Christus dem Tod die Macht genommen hat und durch das Evangelium, die Gute Botschaft Gottes, das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat, wie es hier im Brief steht, dass dieser christliche Glaube sich gegenüber den anderen Lehren in seiner Umwelt behaupten muss. Der Christliche Glaube muss vertreten und verbreitet werden, damit er gegenüber den anderen Lehren bestehen und wirken kann. Das aber wird in einer Zeit zunehmender religiöser Vielfalt immer schwieriger - damals wie heute.
Der Gemeindeleiter Timotheus soll aber an seinem Glauben festhalten und er soll sich darauf besinnen, dass er einmal sein Amt mit Gottes Segen begonnen hat. Mutig soll er seinen Glauben vertreten.

Aber Mut allein ist noch nicht genug. Der Geist Gottes kann mehr: Gott hat uns gegeben den Geist der Besonnenheit.
Mut allein kann zu falschem oder überschäumendem Eifer führen. Besonnenheit dagegen kann manche Kraft ersetzen. Ja mehr noch: Es gibt in unserem Leben Probleme, die mit Kraft allein gar nicht zu lösen sind. Probleme, bei denen es darauf ankommt, einen klaren kühlen Kopf zu behalten und nicht etwa mit Kraft oder gar Gewalt etwas kaputt zu machen.
Und das gilt wie für unser Leben so eben auch für unsere Haltung im Glauben: Wer mit Kraft und Gewalt seinen Glauben vertreten und durchsetzen will, hat damit noch nie etwas Gutes bewirkt. Die Geschichtsbücher sind voll von solchen übereifrigen Glaubenskriegen. Und solche übereifrige Glaubenslehrer gibt es in manchen Religionen bis heute.
Dagegen sollen wir mit Besonnenheit auftreten - Besonnenheit, die in vielen Situationen eine weit grössere Kraft ist, als jede körperliche Stärke.


Und dann ist da noch ein Drittes, das uns dieser Segensvers verspricht: Gott hat uns gegeben den Geist der Liebe. Die Liebe ist das Wichtigste von allen, so hat ja dann auch wirklich Paulus geschrieben in seinem berühmten Hohelied der Liebe, das wir so häufig und so gern bei Trauungen lesen oder sogar als Trauspruch verwenden: Glaube - Hoffnung - Liebe ... und die Liebe ist die Grösste unter diesen.
Was wäre denn auch die Kraft und was wäre die Besonnenheit, wenn beides nicht mit Liebe investiert und eingesetzt würde? Nur das zählt doch wirklich im Leben, was mit Liebe erdacht und gemacht ist. Natürlich sind auch andere Motivationsträger wichtig, zum Beispiel strukturelle Planung und Taktik oder wirtschaftliches Kalkül, wo dies zur Problembewältigung notwendig ist. Aber ich behaupte und meine, es gibt keinen Arbeits- oder Lebensbereich, der ohne die Liebe auskommt.
Und umgekehrt: Es ist in jedem Arbeits- und Lebensbereich spürbar, ob jemand mit Liebe bei der Sache ist oder nur seine ihm auferlegte Pflicht tut.


Wenn ich diese Liebe jetzt wieder auf unser Glaubenszeugnis beziehe, dann ist die Deutung, wie ich finde, sehr eindeutig und einleuchtend:
Lebe deinen Glauben in der Liebe, die dir von Gott gegeben ist. Halte dich nicht zurück mit deinem Glauben, erwarte aber auch von Menschen anderer Religion nicht, dass sie dir bedingungslos folgen werden.

Das Bettagsmandat proklamiert, wir sollen eine Kultur der Vielfalt fördern. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft soll seine Traditionen leben und bewahren dürfen. Hier sind Toleranz und gegenseitige Achtung und Anerkennung gefragt.

Bei aller Toleranz und Achtung den Traditionen des anderen gegenüber müssen wir aber auch unsere Werte hochhalten und dürfen unsere Traditionen nicht vergessen und erst recht nicht aufgeben. Ich meine, ein Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen sollte möglich sein. Wir müssen andere Religionen nicht bekämpfen, um selber unseren Glauben leben zu können. Glaubenskriege, haben noch nie zu etwas Gutem geführt. Wir sollen uns aber auch nicht davon abhalten lassen, unseren Glauben zu leben und zu bekennen. Es mag uns manchmal peinlich sein, zu unserem Glauben zu stehen. Vielleicht empfindet mancher gar Scham dabei.

Auch hier will der Predigttext heute Mut machen, denn er schreibt ganz deutlich: Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn! So hat der Apostel Paulus tatsächlich geschrieben, als er sich der Gemeinde in Rom vorgestellt hat: Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben. (Römer 1,16)
Leben wir also getrost und gestärkt unseren Glauben. Halten wir unsere Christlichen Werte und Traditionen gegenüber allen anderen hoch. Aber tun wir das mit dem Geist Gottes, der uns dazu Kraft, Liebe und Besonnenheit gegeben hat.

Amen.

Bettagsmandat 2010
Der Regierungsrat und die drei Landeskirchen des Kantons Aargau geben abwechselnd jedes Jahr zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag einen Aufruf an die Aargauer Bevölkerung heraus. In diesem Jahr wird der Text des Bettagsmandates von den drei Aargauer Landeskirchen verantwortet.

Toleranz und Grenzen - die Chance Bettag
Danken, Busse tun und beten. Gemeinsam feiern - über die Grenzen von Konfession und Partei hinweg. Diese Idee steckt seit über 200 Jahren im Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Doch heute leben in unserem Land nicht nur Mitglieder verschiedener christlicher Konfessionen, sondern unterschiedlichster Religionen. "Das Zusammenleben in dieser Vielfalt ist nicht immer leicht. Das Vertraute will geschützt und das Fremde anerkannt werden. Beides ist berechtigt." So haben vor fünf Jahren politische und kirchliche Kräfte im Kanton St. Gallen gemeinsam ihre Grundlage für das Zusammenleben der Religionen erklärt. Forderte einst das interkonfessionelle Zusammenleben Aargauerinnen und Aargauer heraus, ist es heute die Interreligiosität. Unsere Grundwerte verpflichten uns zu Toleranz gepaart mit der Einhaltung von Grenzen für ein einvernehmliches und gedeihliches Zusammenleben aller Menschen im Kanton. Gelingen wird es dann, wenn Angehörige der verschiedenen Kulturen und religiösen Gemeinschaften ihren Traditionen und ihrem Glauben treu sein dürfen. Im Gespräch und im Zusammenleben miteinander versuchen wir die Unterschiede zu verstehen ohne diese zu verwischen. Wir treten für die Menschenrechte aller ein. Die Berufung auf Gott - wie sie auch in der Präambel unserer Kantonsverfassung steht - verpflichtet uns in besonderer Weise, die Menschenrechte zu schützen. Wir lassen uns vom Grundsatz leiten, dass die Unterschiede von Menschen, die es gibt und die es braucht, benannt werden dürfen, aber dass sie relativ sind. Wir fördern daher eine Kultur der Vielfalt. Genauso setzen wir uns ein für eine Gesellschaft auf der Basis grundlegender humanitärer Werte und demokratischer Rechtstaatlichkeit. Wir lehnen Radikalismus und Fundamentalismus, in welcher Form sie auch gelebt werden, ab. Wir distanzieren uns von jeglichem Extremismus, der Menschen mit anderen Auffassungen bedroht, verurteilt oder bekämpft.
Danken, Busse tun und beten. Gemeinsam feiern - über die Grenzen von Konfession und Partei hinweg. Diese Idee steckt im Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Die Vielfalt an Kulturen und religiösen Gemeinschaften hat im Lauf der letzten Jahre auch in unserem Kanton diesen Feiertag bereichert. Er stärkt nach wie vor Demokratie und Glaube, aber auf eine offenere, farbigere, vielgestaltigere, tolerantere Art.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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