Reformierte Kirchgemeinde Bözberg-Mönthal

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2. Kor. 5,14b-21
21.03.2008
Kirche Bözberg
Kirche Mönthal
Pfrn. Chr. Straberg


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2. Korinther 5,14b-21

Paulus schreibt: 14 Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. 15 Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. 16 Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt ha-ben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. 17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Krea-tur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber ver-söhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Ver-söhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Voller Wut warf sie sich auf ihr Bett, den Papyrus noch in der Hand.

Warum musste Paulus immer solche Sachen schreiben! Und sie musste heute Abend vor die Gemeinde treten und den Briefabschnitt vorlesen -
und dann erwarteten wieder alle von ihr, dass sie doch wissen sollte, was Paulus damit wohl gemeint hat.

Wie oft hatte sie ihm schon gesagt:
Paulus, näher an den Menschen! Du vergeistigst Jesus!
Und dabei hat Jesus doch in Gleichnissen gesprochen, damit die Menschen ihn verstehen können.
Aber die Jahre bei den Schriftgelehrten liessen sich einfach nicht aus Paulus rausholen.
Er schrieb noch komplizierter als er sprach.

Und was er da heute geschrieben hatte über den Tod Jesu, das war wieder sehr schwierig.

Und ärgerlich war es auch.
Jesus nicht mehr nach dem Fleisch kennen,
als ob er nur noch der Christus sei,
als ob es nicht ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen war, der so grauenvoll und jämmerlich am Kreuz gestorben ist.

Na ja, aber es war ja schon gut, dass Paulus nicht so in den grausamen Momenten der letzten Stunden Jesu schwelgte, wie es andere gerne taten.
Denn darauf kam es wahrhaftig nicht an.
So viele andere Menschen mussten auch leiden und wurden gefoltert, und so mancher hatte noch viel grössere Qualen durchstehen müssen, bis der Tod ihn erlöste.

Nein, darum ging es nicht, das hatte Paulus richtig erkannt.
Aber ob seine Worte von der Versöhnung verstanden wurden? Die Liebe, von der spricht er so vergeistigt. Dabei ist sie doch in Jesus ganz handgreiflich spürbar, sie ist doch für uns Menschen, für unseren Alltag, für unser Leben von unendlicher Bedeutung!

Nein, alleine würde sie das nicht hinbekommen, sie brauchte Rat und Austausch.
Die Gemeinde war am Todestag Jesu sowieso immer sehr aufgewühlt.
Zu gross war die eigene Bedrohung, zu gross die Angst vor der Folter der Römer, als dass sie die Berichte der Alten, die die Kreuzigung noch miterlebt hatten, ohne Gefühlsregung hören könnten.

Susanna stand auf, versteckte den Brief von Paulus in ihrem Gewand und ging hinaus vor die Stadt. Der alte Philippus hatte jetzt viel Zeit, seitdem er kaum noch sehen konnte. Und ihre eigene Arbeit musste für heute hintenan stehen.

Sie fand ihn in einer stillen Bucht am Meer, das Gesicht der Sonne und dem sanften Wind entgegengestreckt.
Er freute sich, sie zu sehen, wie immer. Und er ahnte auch schon, dass der abendliche Gottesdienst sie umtrieb.

"Ja, ja, was würden wir nur ohne unseren guten Paulus tun, der uns immer wieder trocken Brot für die Zähne gibt," schmunzelte er.
Aufmerksam lauschte er den Worten aus dem Brief von Paulus.

Philippus dachte nach.
"Ich glaube, nur jemand, der dasselbe durchgemacht hat wie Paulus, kann den Tod Jesu als so befreiend erleben, wie er es hier schreibt.
Paulus leidet immer noch, auch wenn er sich versöhnt weiss."

Susanna wusste, wovon Philippus sprach.

Viele der Alten hatten lange gebraucht, bevor sie Paulus wirklich geglaubt hatten, dass er sich verändert hat, dass er nicht ein Spion war, jemand, der ihren Untergang wollte.

Zu brutal war Paulus als Saulus, als Christenverfolger gewesen, voller eiskalter Grausamkeit.
Was hatte er vielen Familien angetan.
Ein Mensch konnte solche Taten nicht vergeben, geschweige denn sich mit so jemandem versöhnen.

Aber Paulus hatte Versöhnung erfahren.
Bei seinem Damaskuserlebnis hatte erfahren, dass Gott ihm die Hand entgegenstreckte, dass der Jesus Christus, den er fanatisch verfolgte, sich ihm entgegenstellte und seinen Geist heilte.

Paulus erzählte nicht viel von diesem Ereignis. Es war ein Geschehen zwischen ihm und Jesus.
Aber es hatte ihn zu dieser neuen Schöpfung gemacht, von der er hier sprach.
Und für ihn war es nur noch möglich zu leben, weil ihn niemand mehr nach dem beurteilte, was er vorher war.
Weil nicht immer wieder und wieder der Finger in die schmerzende Wunde seiner Vergangenheit gelegt wurde.

"Aber es ist schade, dass er hier seinen Gefühlen nicht so wirklich Ausdruck gibt, die Liebe so unkonkret lässt", meinte Philipus.
"Aber weisst du, diese Liebe erleben ja die Menschen heute Abend wieder hautnah.
Das Vertrauen, das bei uns herrscht, die Fürsorge füreinander, die Achtung voreinander.
Ich finde, wir geben uns da selbst ein gutes Beispiel.

Ohne viel Worte wird gegeben, auch dem, der selber nicht gibt - ob sie es nicht kann oder nicht will, ist nicht wichtig."

Susanna grinste. Ja, die alte Viola war ausgesprochen geizig, aber die anderen sahen es ihr tatsächlich nach.

"Ja, und dann überlege dir doch nur, Susanna, wer so alles am Tisch sitzt.
Auch hier haben wir alle unsere Schuld, unsere Sünde, die wir mitbringen.
Die meisten natürlich nicht so eine wie Paulus, aber alle haben ihr Kreuz zu tragen, grösser oder kleiner, als Tater oder auch als Oper."

Ja, gerade auch als Opfer.
Beide dachten an die Sklavin Johanna, die von ihrer Herrin zum Krüppel geschlagen wurde und die sich tapfer bemühte, keinen Groll zu hegen, nicht zu verbittern.
"Lasst euch versöhnen mit Gott" - das sagte sich so leicht, aber für Johanna würden diese Worte wieder eine grosse Anfechtung sein. Könnte sie das jemals für ihre Herrin bitten?

Und neben ihr sass meist Gaius, der einst ein reicher Mann war und mit seinen vielen Betrügereien aufgeflogen war und alles verloren hatte.
Auch ihm würden die Worte von Paulus hart aufstossen.
Er wollte sich ja so gerne versöhnen, aber hat Gott ihm wirklich vergeben?
Er hatte kein Damaskus-Erlebnis wie Paulus, er haderte oft mit seiner Vergangenheit und konnte nicht neu anfangen.

Aber sie alle versammelten sich trotzdem Woche für Woche um den Tisch Jesu Christi, teilten geschwisterlich Brot und Wein, stärkten und trösteten einander, weinten und lachten gemeinsam.

"Ja, es stimmt schon, so leben wir die Versöhnung mit Gott im Alltag. Schliesslich sind wir ja wirklich alle seiner Versöhnung bedürftig. Auch wenn es immer noch einige gibt, die das partout nicht einsehen wollen und sich für fehlerlos halten", meinte Susanna.
"Nun sei nicht so hart", warf Philippus ein.
"Ich weiss selber, was es heisst, wenn man sich für einen gerechten Menschen hält und eigentlich nicht versteht, warum wir unbedingt mit Gott versöhnt werden müssen, wie Paulus es schreibt.
Ich war immer ein Mann, der die Gebote gehalten hat. Ich war fromm im besten Sinne des Wortes. Ich bin mit Jesus durchs Land gezogen, habe wie er alle Menschen als gleich angesehen und war mir hundertprozentig sicher, dass ich so bin, wie es Gott gefällt. Ich habe mein Geld, ja alles für Jesus aufgegeben.
Aber dann kam Gethsemane - und auch ich bin geflohen. Auch ich habe letztlich versagt.
Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, dass auch ich meine Schuld trage, wenn man ein recht friedliches Leben führt.

Wir müssen uns natürlich davon nicht unser Leben verderben lassen.
So wie das manche übertreiben; von wegen, ‚Was sind wir alles für schlechte Menschen!'.
Darum geht es nicht.
Aber letztlich sind wir Menschen doch in uns selbst gefangen, ist das eigene Hemd uns näher als unser Nächster.
Wir wollen beliebt sein. Heimlich verachten wir Menschen, die nicht so gut sind wie wir.

Und das alles wäre bei Jesus nie vorgekommen.
Er hat uns Menschen so geliebt wie wir waren, auch mit unserer inneren Zerrissenheit, die uns letzten Endes immer von Gott trennen würde.
Und das wollte er ändern. Er hat uns einen neuen Weg eröffnet. In ihm ist Gott zu uns gekommen, ja, Gott selbst hat die Kluft überwunden.
Wir Menschen können das nicht. Wir sind gefangen in unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Unsere menschliche Gerechtigkeit bedeutet:
Wer stiehlt, bekommt die Hand abgehackt, wer betrügt, wird gefoltert, wer einen anderen tötet, wird auch getötet.
Versöhnung kommt da nicht wirklich vor.
Menschen wie Paulus wären der Versöhnung nicht für würdig erachtet worden, stell dir das mal vor!
Strafe muss sein. Und wer das Glück hat, dass er in seinem Leben ohne grosse Schuld leben kann, soll sich freuen und alle anderen haben eben Pech gehabt."

Susanna nickte: "Es ist wahr, wir Menschen tun einander oft nichts Gutes, auch wenn, oder vielleicht gerade wenn wir es gut meinen.
Wenn Gott so aufrechnen würde, wie wir, hätten wir keine Chance. Wir Menschen sind selten barmherzig. Und unsere Gesetze schon mal gar nicht."

"Weisst du, Susanna, ich glaube, für mich ist das Wort von der Versöhnung heute Abend das Entscheidende.
Anders kann ich Jesu Tod nicht mehr verstehen."

"Versöhnung - die Sünde, zu der er für uns geworden ist, damit für uns Versöhnung mit Gott möglich ist.", sinnierte Susanna.
"Das ist gut, denn mir ist nämlich ganz wichtig, dass Schuld nicht bagatellisiert wird. Denn sonst könnte ich Menschen wie der verkrüppelten Johanna nicht unter die Augen treten.

Aber zu sehen, dass die Sünde verurteilt wurde, dass das Böse mit Jesus am Kreuzesstamm verurteilt starb - und wir davon befreit sind. Das ist wichtig und das kann uns Paulus vielleicht verdeutlichen.

Wie kann man das wohl noch andres umschreiben - denn danach wird Johanna bestimmt fragen, was bedeutet Versöhnung.. Versöhnung…
Oh, ich glaube, das wäre es doch:
Wenn sich ein Verhältnis der Feindschaft und des Hasses in neue Gemeinschaft verwandeln kann, das ist Versöhnung!

Und dass wir als Christinnen und Christen mit der Bitte auf die anderen zugehen können: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Wir müssen nichts tun, so schwer es auch fällt, wir müssen nur eines tun, Gottes Liebe annehmen."

Susanna seufzte: "So schwer kann Liebe sein, und so schön."

Gemeinsam sassen die beiden am Strand und sahen zu, wie die Sonne langsam im Meer versank.

Der Brief, der auf dem Hinweg noch wie Feuer unter dem Gewand brannte, schien jetzt ganz warm und passend zu sein.
Es würde ein guter Abend werden.
Sie würden zwar wieder lange reden, um Paulus zu verstehen, aber was er ihnen geschrieben hatte, war für den heutigen Abend genau das Richtige.

Nach vorne schauen, von Gottes Liebe zu erzählen und sich um Versöhnung bemühen, immer wieder, jeden Tag neu.
Das wollten sie gerne tun. Ja, es würde ein guter Abend werden.
Und Susanna lächelte Philippus an, der leise ein anderes Wort von Paulus vor sich hin murmelte:

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Eine Anmerkung: Diese Predigt ist dafür geschrieben, sie im Gottesdienst vorzutragen. Eine Predigt lebt erst richtig im Zusammenspiel zwischen Prediger/in, Gottesdienstgemeinde und Atmosphäre. Insofern ist eine Predigt ein Geschehen, das sich nicht vollständig in gedruckten Text fassen und lesen lässt.
Diese Predigt wurde so, wie sie hier abgedruckt ist, vorbereitet und hat als Grundlage im Gottesdienst gedient. Es ist jedoch möglich, dass während des Predigens im Gottesdienst einige Formulierungen oder Beispiele anders gesagt wurden, als sie zuvor (wie hier abgedruckt) aufgeschrieben wurden.



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